/ 03.06.2013
Egon Bahr
Zu meiner Zeit
München: Karl Blessing Verlag 1996; 605 S.; geb., 58,80 DM; ISBN 3-89667-001-8Es gibt Politiker, die machen Karriere, weil sie als Mitarbeiter von aufstrebenden Persönlichkeiten mitgetragen werden und solche, die reüssieren aus eigener Kraft.
Daß Bahr in konzeptioneller und operativer Hinsicht die Schlüsselfigur der neuen Ostpolitik wurde, schuldete er sicherlich einerseits dem Aufstieg Brandts zum Bundeskanzler. Das hat manchen den Blick dafür verstellt, daß Bahrs prägender Einfluß in Brandts Ostpolitik mindestens zu gleichen Teilen auch in seinen zuweilen brillanten Fähigkeiten zur außenpolitischen Analyse begründet lag.
Die Memoiren Egon Bahrs, die in weiten Teilen eine interessante rückschauende Auseinandersetzung mit dem "Thema seines Lebens" (584) - der Einheit Deutschlands - sind, belegen dies an vielen Stellen. Eindrucksvoll ist seine Analyse des Mauerbaus und der offenkundig gewordenen Haltung der Westmächte, ihre Schutzgarantie auf West-Berlin zu beschränken. Züge des politisch Genialen hat seine politische Beurteilung der Situation des geteilten Deutschland nach dem Mauerbau, der Interessen der Vier Mächte und der Handlungsmöglichkeiten und Zielsetzungen aller Akteure. Daraus leitete Bahr die grundlegenden Prinzipien der sozialliberalen Ostpolitik ab. Die erfolgreiche Implementierung der Ostpolitik bestätigte die Richtigkeit seiner Analyse eindrucksvoll.
Es ist von großem Reiz, auch Bekanntes zur Ost- und Deutschlandpolitik der sozialliberalen Koalition nachzulesen, weil hier der zentrale Akteur dieser Politik seine persönliche und authentische Darstellung der konzeptionellen Vorbereitung und der operativen Verhandlungsführung gibt. Hier liegt auch zweifellos die Stärke dieser Erinnerungen. Bahrs Darstellung des innenpolitischen Tauziehens um die Ostverträge dagegen gerät sehr knapp. Bei diesem brisanten Thema wäre es wünschenswert gewesen, wenn sich der mit der Innensicht bestens vertraute Autor weniger Zurückhaltung auferlegt hätte.
Interessant sind die detaillierten Innenansichten, die Bahr von der Planungsarbeit im Auswärtigen Amt, den Sondierungsgesprächen in Moskau und den verschiedenen Verhandlungen gewährt. Die Schilderungen der direkten geheimen Verbindungskanäle zu Kissinger ins Weiße Haus und zur Moskauer Führung enthalten eine Reihe von Einsichten zur Notwendigkeit, neue außenpolitische Ansätze an den jeweiligen außenpolitischen Bürokratien vorbei zu sondieren und zu verhandeln. Bislang unbekannt war, daß Bahr seinen geheimen diplomatischen Kanal zu Moskau an Bundeskanzler Kohl übergeben hat.
Insgesamt wenig aufschlußreich sind Bahrs Schilderungen der Persönlichkeiten "seiner Zeit". Brandt beschreibt er in einigen Situationen, die den Freund als empfindsamen und verletzlichen Menschen zeigen. An Wehners Haltung zu Brandt übt er scharfe Kritik. Die Distanz zwischen Bahr und Schmidt wird in einigen kleinen Spitzen deutlich. Für Genscher, über den Bahr den bekannten Verdacht äußert und erneut bekräftigt, in der Affäre Guillaume mehr gewußt und zu verantworten zu haben, als ihm nachzuweisen war, äußert Bahr großen Respekt. Zu seiner Zeit in Bonn habe er keine größere taktische Meisterschaft erlebt (485). Für seine Außenpolitik findet sich viel Lob. Die massiven Vorbehalte Kissingers an Bahrs außenpolitischem Konzept umhüllt er mit einer köstlichen diplomatischen Formulierung: Seine Darlegung der ostpolitischen Überlegungen der neuen Regierung habe Kissinger zu Fragen veranlaßt, "die ein intelligenter und erfahrener Mann stellen mußte, der unsere sorgfältig erarbeitete Planung nicht kannte" (272). Persönliche Einsichten aus seinen zahlreichen Begegnungen mit Honecker gibt Bahr den Lesern leider nicht. Auch das Bild von Gorbatschow, den Bahr in seiner Funktion als Direktor des Friedensforschungsinstituts in Hamburg auch als Privatmann treffen konnte, bleibt enttäuschend blaß.
Bahrs Erinnerungen machen auch deutlich, wie glücklich die Kombination der beiden teilweise grundverschiedenen Politiker Brandt und Bahr war. Die Komplementarität geriet beiden und ihrer gemeinsamen Sache zum Vorteil. Der visionäre Brandt hatte mit dem pragmatischen Macher Bahr einen Vertrauten, der mit ihm die frühe Einsicht in die Notwendigkeit neuer Ansätze in der Ost- und Deutschlandpolitik teilte und diese zu einem operativen Konzept formulierte und in Verhandlungen maßgeblich umsetzte.
Als Staatssekretär und Bundesminister für besondere Aufgaben im Kanzleramt, ausgestattet mit der geliehenen Macht des Bundeskanzlers und mit seiner großen Begabung zur konzeptionellen und operativen Außenpolitik, konnte Bahr der deutschen Außenpolitik in erstaunlich kurzer Zeit entscheidende Prägung geben, weit mehr jedenfalls als der Außenminister der ersten sozialliberalen Regierung. Brandt war sich bewußt, welchen großen Anteil Bahr an der Verleihung des Friedensnobelpreises 1971 für "ihre" Ostpolitik hatte. Die Erinnerungen des Mannes, der die deutsche Einheit als Thema seines Lebens bezeichnet, sind eine sehr lesenswerte Darstellung dieser großen Leistung.
Michael Broer (MB)
Dr., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.3 | 4.21 | 2.313
Empfohlene Zitierweise: Michael Broer, Rezension zu: Egon Bahr: Zu meiner Zeit München: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/2354-zu-meiner-zeit_3012, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 3012
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Dr., Politikwissenschaftler.
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