/ 20.06.2013
Julius H. Schoeps / Karl E. Grözinger / Willi Jasper / Gert Mattenklott (Hrsg.)
Russische Juden und transnationale Diaspora. Im Auftrag des Moses Mendelssohn Zentrums für Europäisch-Jüdische Studien
Berlin: Philo Verlagsgesellschaft 2005 (MENORA Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte 2004, Band 15); 414 S.; kart., 29,80 €; ISBN 3-86572-505-8Die russischsprachigen Juden werden als „eine selbständige historische und ethnosprachliche Schicksalsgemeinschaft“ (177) porträtiert. Ihre Geschichte und ihre seit 1989 andauernde Massenemigration aus den GUS-Staaten (bis 2002 sank ihre Zahl bereits um 72 Prozent) ist dabei nur vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen in der Sowjetunion zu verstehen. Im ersten Kapitel werden daher der Assimilationsdruck, die demografische Entwicklung und die Protestbewegung derjenigen beschrieben, die ihre Ausreise nach Israel verlangten und dafür schikaniert wurden. Der Beitrag über diese meist schriftlichen Proteste (Briefe an Behörden, Untergrundpresse) ist sehr lebendig von Michael Beizer von der Universität Jerusalem geschrieben, der bis zu seiner Ausreise federführend in Leningrad an den Protesten und der Wiederbelebung der jüdischen Kultur beteiligt war. Insgesamt konstatieren die Autoren eine deutliche (erzwungene) Dominanz des Russischen – das Jiddische wie das Hebräische wurden als aktive Sprachen so nachhaltig zurückgedrängt, dass auch die Emigranten das Russische beibehalten. Im zweiten Kapitel wird u. a. dieser Aspekt am Beispiel der neuen Heimat Deutschland beschrieben. Seit der Verabschiedung der Kontingentflüchtlingsregelung 1991 wandern sehr viele Menschen nach Deutschland aus, manchmal mehr als nach Israel. Dies lässt die jüdischen Gemeinden wieder anwachsen, stellt sie aber auch vor große Probleme. Schoeps beschreibt diese Entwicklung und ihre ambivalenten Folgen nicht ganz ohne Wehmut. Die Welt des deutschen Judentums verschwinde ebenso wie die osteuropäisch-jüdische Kultur. „Künftig werden in den Gemeinden die ehemaligen Bürger der Sowjetunion den Ton angeben.“ (124) Auch die Schwierigkeiten bei der neuerlichen Identitätsfindung (Jude? Russe? Deutscher?), bei der Integration und die Mängel der deutschen Integrationshilfe werden in mehreren Beiträgen ausführlich dargestellt. In zwei weiteren Kapiteln geht es um die nach Israel und in die USA Ausgewanderten. Allen gemeinsam aber bleibt ein transnationales Selbstverständnis als russische Juden.
Aus dem Inhalt:
I. Frühere Sowjetunion/GUS
Mark Tolts:
Demographische Trends unter den Juden der ehemaligen Sowjetunion (15-44)
Kerstin Armborst:
Von der Petition zum offenen Protest. Die wachsenden Emigrationsbemühungen sowjetischer Juden in den 1970er Jahren (45-71)
Michael Beizer:
Kampf um die Alijah. Die Otkazniki-Bewegung der 1980er Jahre am Beispiel Leningrads (73-94)
Volodymyr Oks:
Schwieriges Erbe, viel Engagement. Jüdisches Gemeindeleben und jüdische Neuorganisation in den postsowjetischen Staaten (95-118)
II. Deutschland
Julius H. Schoeps:
Ein neues Judentum in Deutschland? Zur Debatte um die Zukunftsperspektiven jüdischer Zuwanderer aus der früheren Sowjetunion und deren Nachfolgestaaten (119-132)
Willi Jasper:
Deutschland, Europa und der „Transnationalismus“ der russisch-jüdischen Diaspora (133-150)
Nataliya Gladilina / Vadim Brovkine:
Sprache und Identität jüdischer Immigranten in Deutschland (151-182)
Michail Rumer-Sarajew:
Jevrejskaja Gazeta. Wie eine russischsprachige Monatszeitschrift ihren Weg zu jüdischen Kontingentflüchtlingen findet (183-198)
Natalia Tchernina / Efim Tchernin:
Traditionelle Rollen im Wechsel. Integration und Adaption jüdischer Immigranten aus der früheren Sowjetunion in Bremen (199-234)
Larissa Grutman:
Stufenweise in die neue Welt. Erfahrungen einer jüdischen Immigrantin aus Wolgograd in Esslingen und Stuttgart (235-257)
Barbara Dietz:
Gemeinsames Erbe – plurale Tendenzen. Aussiedler und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland. Ein Vergleich (259-278)
III. Israel
Larissa Remennick:
Transnationale Gemeinschaft im Entstehen. Die russisch-jüdischen Einwanderer der 1990er Jahre in Israel und ihr neues Selbstverständnis (279-306)
Olaf Glöckner:
Zwischen High Tech und Marginalität. Wissenschaftler aus der früheren Sowjetunion und ihre Integration in Israel (307-328)
IV. USA
Steven J. Gold:
„Neue Amerikaner” und „Yordim”. Ausprägungen einer amerikanischen Identität unter jüdischen Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion und Israel (329-368)
Nikolai Ariel Borschevsky / Irene Belozersky:
Zwischen Metro West und „Firelech“-Theater. Geschichte und Perspektiven der russisch-sprachigen jüdischen Gemeinschaft in Boston (369-392)
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.42 | 2.62 | 2.64 | 2.35 | 2.63 | 2.23 | 2.25
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Julius H. Schoeps / Karl E. Grözinger / Willi Jasper / Gert Mattenklott (Hrsg.): Russische Juden und transnationale Diaspora. Berlin: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/22231-russische-juden-und-transnationale-diaspora_25355, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 25355
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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