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/ 21.06.2013
Julia Kusznir

Der politische Einfluss von Wirtschaftseliten in russischen Regionen. Eine Analyse am Beispiel der Erdöl- und Erdgasindustrie, 1992-2005. Mit einem Vorwort von Wolfgang Eichwede

Stuttgart: ibidem-Verlag 2008 (Soviet and Post-Soviet Politics and Society 73); 342 S.; 34,90 €; ISBN 978-3-89821-821-4
Diss. Bremen; Gutachter: W. Eichwede, H.-H. Schröder. – Die Oligarchen sind längst zum Sinnbild der russischen Wirtschaft geworden. Aber besitzen diese Wirtschaftseliten wirklich auch großen politischen Einfluss? Die Autorin untersucht eben diese Machtkonstellation zwischen Politik und Wirtschaft. Dabei konzentriert sie sich auf drei Akteure: das föderale Zentrum (Regierung), die Vertreter der Regionen (Gouverneure) und die Unternehmen der Erdöl- und Erdgasindustrie. Ihr Untersuchungszeitraum von 1992 bis 2005 gibt auch Aufschluss darüber, wie sich die Dreiecksbeziehung der Akteure vor allem während der Präsidentschaft von Wladimir Putin geändert hat. Für ihre Fallstudien hat sich Kusznir vier russische Regionen ausgesucht, die jeweils ein besonderes Beziehungsgeflecht zwischen Politik und Wirtschaft aufweisen. In der Republik Tatarstan existiert die Patronage eines politischen Führers über die Wirtschaftsakteure der Energieindustrie. Der Präsident der Republik Mintimer Schajmijew hat alle Schlüsselpositionen in der regionalen Verwaltung mit seinen Gefolgsleuten besetzt und kontrolliert die ganze Ölindustrie Tatarstans. Im Gebiet Tjumen gab es bis zum Jahr 2000 zwischen föderalem Zentrum, der regionalen Administration und der Energiewirtschaft immer wieder Konflikte nach dem Motto „Kampf aller gegen alle“ (214). Erst nach der Wahl eines neuen Gouverneurs 2001 entstand eine Partnerschaft zwischen den drei Akteuren. In dem Autonomen Bezirk der Chanten und Mansen gab es eine enge Verflechtung von Energieindustrie und Regionalverwaltung, die sich gegen das föderale Zentrum richtete. Anders war die Lage im Autonomen Bezirk der Jamal-Nenzen. Dort gelang dem Staatsunternehmen Gazprom die Vereinnahmung der regionalen Politiker. Es fand sozusagen eine „Privatisierung der Macht“ (266) statt. Während der Präsidentschaft von Putin, so die Autorin, habe sich aber eine Unterordnung der Regionen unter das föderale Zentrum vollzogen. Auch die Erdgas- und Erdölindustrie habe an politischem Einfluss verloren. In Russland, so legt die Studie nahe, ist die große Zeit der Oligarchen ein Stück Vergangenheit.
Wilhelm Johann Siemers (SIE)
Dipl.-Politologe, Journalist, Redakteur der Sprachlernzeitschrift vitamin de, Florenz.
Rubrizierung: 2.622.242.212.22 Empfohlene Zitierweise: Wilhelm Johann Siemers, Rezension zu: Julia Kusznir: Der politische Einfluss von Wirtschaftseliten in russischen Regionen. Stuttgart: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30242-der-politische-einfluss-von-wirtschaftseliten-in-russischen-regionen_35886, veröffentlicht am 08.04.2009. Buch-Nr.: 35886 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA