/ 04.06.2013
Andrei S. Markovits / Simon Reich
Das deutsche Dilemma. Die Berliner Republik zwischen Macht und Machtverzicht. Mit einem Vorwort von Joschka Fischer. Aus dem Amerikanischen von Gisela Schillings
Berlin: Alexander Fest Verlag 1998; 368 S.; geb., 49,80 DM; ISBN 3-8286-0047-6Die beiden amerikanischen Politikwissenschaftler werfen die Frage auf, ob und inwiefern sich die deutsche Außen- und Europapolitik der "Berliner Republik" von derjenigen der alten "Bonner Republik" unterscheiden wird und stellen hierbei insbesondere die Wirkung des "kollektiven Gedächtnisses" der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands, für deren perverseste Ausprägung der Begriff Auschwitz steht, in den Vordergrund ihrer Untersuchung. Das Dilemma, in dem sich Deutschland nach Ansicht der Autoren befindet, resultiert aus dem mit der Wiedervereinigung gewonnenen Machtzuwachs und der Frage der künftigen Machtwahrnehmung und -ausübung vor dem Hintergrund der historischen Last: "Deutschland sitzt fest zwischen der Skylla des kollektiven Gedächtnisses, das ihm den normalen Machtgebrauch versagt, und der Charybdis gegenwärtiger Erfordernisse, die darauf drängen, daß es seine Verantwortung in Europa und sogar vielleicht weltweit akzeptiert." (27) Grundsätzlichen Überlegungen zum Umgang Deutschlands mit der Macht, die in eine optimistische und eine pessimistische Sichtweise unterteilt werden, die ihrerseits weitgehend mit den Annahmen des Institutionalismus und des Realismus korrespondieren, folgt eine ausführliche Würdigung der Perzeption der deutschen Machtzunahme durch die Öffentlichkeit in den USA sowie verschiedenen europäischen Nachbarstaaten Deutschlands. Auch hier steht die Wirkung des "kollektiven Gedächtnisses" auf die Herausbildung der öffentlichen Meinung in jenen Staaten im Vordergrund. Schließlich wird die Frage nach der Machtverschiebung zugunsten Deutschlands anhand der "drei Gesichter der Macht" (225) untersucht: Ein Kapitel dieses Abschnitts ist der Thematik der Auslandseinsätze deutscher Soldaten gewidmet, ein weiteres der Stärke der deutschen Außenwirtschaft und ein letztes untersucht die auswärtige Kulturpolitik der Bundesrepublik. Hierbei wird deutlich, daß sich die Macht Deutschlands in Europa nicht militärisch, sondern insbesondere und in ständig zunehmendem Maße ökonomisch definiert. Innerhalb der EU seien Kosten und Nutzen klar verteilt: "Deutschland erzielt die höchsten Profite, Deutschland zahlt die höchsten Beiträge - und per Saldo gewinnt Deutschland." (294) Die auswärtige Kulturpolitik könne indes nicht länger als dritte Säule der deutschen Außenpolitik angesehen werden, da sie nur wenig ambitioniert und eher der kurzfristigen Image-Aufbesserung dienend formuliert werde und die USA überdies auch nach dem Kalten Krieg - zudem nun auch in Mittel- und Osteuropa - eine kulturelle Vorherrschaft einnähmen. Markovits/Reich sehen daher in der auswärtigen deutschen Kulturpolitik das entscheidende Hindernis für den Eintritt Deutschlands in die Rolle eines Hegemon in Europa, da sich die Akzeptanz für eine solche Rollenbekleidung durch die anderen Europäer - als konstitutive Bedingung von Hegemonie - nur "über die Attraktivität von Ideen und Werten" (299) herstellen ließe.
Im Ergebnis ergebe sich aber aufgrund der wirtschaftlichen Stärke Deutschlands insgesamt ein hohes und weiter zunehmendes Maß an struktureller Macht, allerdings bestehe der Hang zur Nichtwahrnehmung dieser Macht fort. Während die beiden Autoren eine Normalisierung deutscher Machtwahrnehmung fordern und begrüßen, warnen sie indes nachdrücklich vor einer "Normalisierung von Auschwitz". Markovits und Reich geben sich diesbezüglich eher pessimistisch und sehen verschiedene Anzeichen für eine Abschwächung der Wirkung des spezifischen kollektiven deutschen Gedächtnisses auf die deutsche Außen- und Europapolitik, so zum Beispiel darin, "daß die Liebe zwischen Deutschland und Europa sich mehr und mehr als bloße Zweckehe" (328) erweise.
Axel Lüdeke (AL)
Dr., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 4.21 | 3.7 | 2.3
Empfohlene Zitierweise: Axel Lüdeke, Rezension zu: Andrei S. Markovits / Simon Reich: Das deutsche Dilemma. Berlin: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6343-das-deutsche-dilemma_8607, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 8607
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Dr., Politikwissenschaftler.
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