/ 21.06.2013
Marco Niecke
Wer versteht den Bundeskanzler? Die Verständlichkeit der Großen Regierungserklärungen
Stuttgart: ibidem-Verlag 2006; 198 S.; pb., 29,90 €; ISBN 978-3-89821-701-9Seine unverständlichste Rede habe Adenauer 1961 gehalten, schreibt Niecke. Er habe damals einen deutlichen Verlust von Wählerstimmen hinnehmen müssen, der Koalitionsvertrag habe eine Kanzlerschaft auf Abruf vorgesehen und die Mauer sei gerade gebaut worden. Brandt dagegen habe 1973 seine beste Regierungserklärung gehalten, zwei Jahre nach Erhalt des Friedensnobelpreises und wenige Wochen nachdem die SPD zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik zur stärksten Fraktion geworden sei. Wie verständlich eine Rede sei, hänge also nicht nur vom rhetorischen Vermögen eines Politikers ab, sondern auch von den Rahmenbedingungen und Absichten. Nieke überprüft diese These am Beispiel der Regierungserklärungen. Diesen komme eine herausragende Bedeutung zu, weil einem breiten Publikum die politische Linie der nächsten Jahre dargestellt werde. Grundsätzlich seien die Regierungserklärungen im Laufe der Jahrzehnte verständlicher geworden. Zu erklären sei dies damit, dass die Vermittlung der Politik durch die Massenmedien immer wichtiger geworden sei – wer verständlich rede, werde eher in den Zeitungen zitiert oder im Fernsehen gezeigt. Dennoch seien auch innerhalb einer einzelnen Rede verschiedene Grade an Verständlichkeit festzustellen: Ein Kanzler rede vor allem dann verständlich, wenn er Erfolge oder Leistungen von sich, seiner Partei oder seiner Regierung darstelle, sich im Einklang mit der öffentlichen Meinung befinde, die Opposition kritisiere oder seine Sprache als Führungsinstrument einsetze. Unverständlich werde es, wenn der Kanzler über Misserfolge, Probleme, Versäumnisse oder über Themen rede, die in seinen Augen nicht prestigeträchtig seien. Dann würden die Sätze länger, komplizierter und unstrukturierter, die Wörter fachspezifischer. An einen Zufall glaubt Nieke nicht, da sich dieser Befund in 33 von 35 Fällen bestätige. Eine wirkliche Ausnahme sei allerdings Angela Merkel. Sie habe in ihrer Regierungserklärung Unvorteilhaftes nur auf einem „etwas niedrigeren Verständlichkeits-Niveau“ (133), aber nicht unverständlich präsentiert.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.333 | 2.322
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Marco Niecke: Wer versteht den Bundeskanzler? Stuttgart: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/27144-wer-versteht-den-bundeskanzler_31703, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 31703
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