/ 21.06.2013
Hans Magnus Enzensberger
Schreckens Männer. Versuch über den radikalen Verlierer
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2006 (edition suhrkamp: sonderdruck); 55 S.; 5,- €; ISBN 978-3-518-06820-5Warum wird ein Schüler, ein Student oder ein Familienvater zum Amokläufer, zum Selbstmordattentäter? Enzensberger meint mit dieser Frage nur die Männer, nur sie empfänden bei Machtverlust eine imaginäre Fallhöhe, die den meist diskriminierten Frauen fremd sei. Es genüge auch nicht, von anderen als Verlierer wahrgenommen zu werden, der entscheidende Schritt sei die Selbstwahrnehmung als solcher. Enzensberger bezeichnet diesen Mann als „radikalen Verlierer“, der lange unauffällig, stumm bleibe: „ein Schläfer“ (9). Helfen lasse wolle er sich nicht, um ihn zu kränken genüge ein Blick und die einzige Lösung seines Problems, die er sich vorstellen könne, liege in der Steigerung des Übels, unter dem er leide – „die Fusion von Zerstörung und Selbstzerstörung“ (16). Diese Einzelfälle, die Enzensberger nicht an eine bestimmte Kultur gebunden sieht, würden – auch bedingt durch die mediale Zurschaustellung der Ungleichheit rund um den Globus – immer mehr. Im islamischen Kulturkreis biete der Fundamentalismus ihnen eine „Verlierer‑Heimat“ (19), wobei ihr Glaube nur oberflächlich und aus zweiter Hand sei. Die dahinter stehenden psychologischen Prozesse seien nicht religiös, auch die Deutschen der Weimarer Republik hätten sich mehrheitlich als Verlierer gefühlt und in den Größenwahn der Nationalsozialisten geflüchtet. Mit dieser Radikalisierung des Verliererstatus zielten die islamistischen Selbstmordattentäter (ähnlich wie Hitler) auf den kollektiven Selbstmord. Und so wie Hitler die Deutschen nicht geschont habe, schonten sie nicht die Moslems. Es bleibe zu fragen, warum die arabischen Gesellschaften rückständig seien und damit das Umfeld einer „Verlierer‑Heimat“ böten. Unter Hinweis auf Dan Diners Analyse in „Versiegelte Zeit“ benennt Enzensberger die Defizite in der Wissenskultur und die Diskriminierung der Frauen als Hauptursachen. Der wesentliche Unterschied zum abendländischen Denken allerdings sei, dass das elementare Prinzip der Gegenseitigkeit völlig missachtet werde. Ein Dialog mit den Fundamentalisten und den potenziellen Attentätern sei deshalb unmöglich.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.25
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Hans Magnus Enzensberger: Schreckens Männer. Frankfurt a. M.: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26086-schreckens-maenner_30343, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 30343
Rezension drucken
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
CC-BY-NC-SA