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/ 04.06.2013
Peter Koslowski / Rémi Brague

Vaterland Europa. Europäische und nationale Identität im Konflikt

Wien: Passagen Verlag 1997; 77 S.; brosch., 24,- DM; ISBN 3-85165-282-7
Der schmale - aber üppig ausgestattete - Band beruht auf zwei Vorträgen, die die Verfasser auf einer gemeinsam vom Forschungsinstitut für Philosophie Hannover und dem Katholischen Forum Niedersachsen 1996 veranstalteten Tagung gehalten haben. Brague möchte die These plausibel machen, daß die Identität Europas nicht an spezifischen Traditionsbeständen festzumachen sei, sondern - "dynamisch" - eine besondere Form der Aneignung von Fremden darstelle (28 f.). Dieser Umgang mit außereuropäischen, namentlich griechischen, römischen, jüdischen Kulturen konstituiere eine "exzentrische Identität" (29, 37), in der das "Europäische [...] nie Ursprung, sondern Ziel" sei (38). Derartige Formulierungen könnten als (literarisch informierte) Umschreibungen moderner Reflexivität gelesen werden, doch Brague geht es nicht um den Aufweis universalistischer Prinzipien - deren Verknüpfung mit dem Prädikat "europäisch" gewiß schnell fraglich würde - als vielmehr um den Appell, die Erinnerung an die außereuropäischen Bezugspunkte ("Athen", "Jerusalem") wachzuhalten und damit - wie? - zur "Entbarbarisierung" der Gegenwart beizutragen (40). Koslowski nimmt die Frage, ob sich die Europäische Union am Leitbild einer (Staats-)Nation orientieren solle, zum Anlaß, die - in seinen Augen - Defizienzen des Gedankens der Volkssouveränität (Rousseauscher Fassung) und des demokratischen Mehrheitsprinzips zu demonstrieren. Vor dem Hintergrund dieser bekannten neo-konservativen Demokratiekritik ist die Antwort eindeutig: Das "Vaterland Europa" müsse als "Commonwealth" mit föderaler Legitimität aufgefaßt werden (50 f.), als "Restauration des vornationalstaatlichen Europas, ohne damit die Auflösung der Nationen zu intendieren" (52). Inhalt: Sohnland Europa - Vaterland Europa. Einleitung. Rémi Brague: Sohnland Europa: 1. Grenzen; 2. Quellen; 3. Das Römische; 4. Weisen des Schöpfens; 5. Europa als lateinische Christenheit: das Verhältnis zum Islam; 6. Europa als lateinische Christenheit: das Verhältnis zu Byzanz; 7. Sohnland Europa; 8. Konkrete Universalität als Aufgabe. Peter Koslowski: Über europäische und nationale Identität: 1. Nation Europa oder Vaterland Europa?; 2. Die Europäische Union als Reich mit begrenzten Aufgaben und Vollmachten; 3. Politischer Mythos oder Politische Theologie in den Grundlagen der Europäischen Union?; 4. Die Notwendigkeit einer Restauration und Revolution der älteren Idee eines Europäischen Reiches oder Commonwealth.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 3.12.233.5 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Peter Koslowski / Rémi Brague: Vaterland Europa. Wien: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/4160-vaterland-europa_5869, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 5869 Rezension drucken
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