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/ 03.06.2013
Till Meyer

Staatsfeind. Erinnerungen

Hamburg: Spiegel-Buchverlag 1996; 474 S.; geb. 44,- DM; ISBN 3-455-15002-0
Es muß schön sein, "das Recht und die Moral" (144) immer auf seiner Seite zu wissen - ob man mitverantwortet, daß bei einem mißlungenen Anschlag auf den Britischen Yachtclub in Gatow ein Mensch zerrissen wird; ob man den Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz eine qualvolle Woche lang und mit für ihn ungewissem Ausgang gefangen hält; ob man als Stasi-Spitzel "die zahlreichen kleinen linken Zirkel und Basisbewegungen in der BRD und Westberlin" (453) ausspioniert. Meyer, Ex-Terrorist der "Bewegung 2. Juni", führt vor, wie das geht. Seine Biographie ist nicht die übliche des gelangweilten Bürgersohnes, der qua Terrorismus den eigenen Vater-Konflikt an der Gesellschaft abarbeitet, sondern die des beruflich immer wieder versagenden Underdogs, der von der APO endlich erklärt bekommt, "warum es mir so dreckig ging", welches "die Ursachen meiner Chancenlosigkeit" (123) waren. Das eigene Versagen so auf die Gesellschaft projizierend, konnte man diese dann zum Objekt einer Umerziehung machen, die man an sich selbst offenbar versäumt hatte. Der Leser erfährt, wie sich Abenteuerlust (73), Größenwahn (vor Gericht: "In eindringlichen Worten [...] geißelte [ich] den Kurs der Bonner Regierung" [414]) und Realitätsverweigerung ("Wichtig war mir, daß wir die Sympathien der Öffentlichkeit auf unserer Seite hatten" [32]) zu einer brisanten Mischung verbinden. Der Blick zurück auf ein Leben, das vom proletarischen Anfang über die Ostermarschbewegung zum Terrorismus und zur IM-Tätigkeit führte, ist so auch keiner des Bedauerns: Mitleid erfahren nicht die Opfer, sondern nur die eigene Person, "das gejagte und gefangene Tier" (381), das sogar die Kirche für sich zu instrumentalisieren weiß, wenn es die Konsequenzen des eigenen Tuns, die Haft, nicht aushält. "Ich bereue nichts" (7) lautet das Resümee - der Leser muß selbst entscheiden, ob er sich solch ungebrochener Selbstgerechtigkeit aussetzen möchte.
Barbara Zehnpfennnig (BZ)
Prof. Dr., Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 2.372.32.3132.331 Empfohlene Zitierweise: Barbara Zehnpfennnig, Rezension zu: Till Meyer: Staatsfeind. Hamburg: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/2233-staatsfeind_2716, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 2716 Rezension drucken
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