/ 04.06.2013
Martin Greiffenhagen
Politische Legitimität in Deutschland
Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung 1997; 515 S.; brosch., 48,- DM; ISBN 3-89204-332-9Der Autor geht bei seiner Annäherung an das Titelthema über das politisch-institutionelle Verständnis von Legitimität hinaus und integriert politikwissenschaftliche, soziologische und philosophische Aspekte. In seinem Aufbau orientiert sich Greiffenhagen an der empirisch orientierten Legitimationsforschung, konkret an David Eastons Modell der politischen Unterstützung (general support). Unterstützung wird darin als grundlegende Vorbedingung für die Stabilität eines politischen Systems angesehen. Da die empirisch orientierte Forschung insgesamt jedoch keine befriedigenden Antworten liefere, bleibe nur "eine theoretisch wie methodisch unbefriedigende Verbindung unterschiedlichster Gesichtspunkte und Forschungsstrategien: nicht nur quantitative Surveys, sondern qualitative Intensivinterviews; nicht nur kurzfristige politische Einstellungen, sondern historisch entstandene Vorstellungen politischer Codes; nicht nur Legitimitätsüberzeugungen, sondern Herrschafts- und Gerechtigkeitsvorstellungen, die sich an Verfassungsgeboten oder europäischen Sittlichkeitstraditionen orientieren; nicht nur 'Unterstützungsfaktoren', sondern zusammenhängende Legitimationskonzepte" (47). So durchforstet Greiffenhagen in den ersten vier Kapiteln die verschiedensten - z. T. überaus konfliktträchtigen - gesellschaftlichen Bereiche, die zweifellos als grundlegende Faktoren für die Unterstützung des politischen Systems angesehen werden können. Von besonderer legitimatorischer Bedeutung sind für den Autoren z. B. die Ausgestaltung des Wohlfahrtsstaats und die Beteiligung der Bürger an der Erwerbsarbeit. Familie und Schule werden als elementare Faktoren für einen Fortbestand der Gesellschaft mit einem eigenen Kapitel (V) hervorgehoben.
Insgesamt hat sich nach Greiffenhagen in den letzten Jahrzehnten ein tiefgreifender Wandel in Hinblick auf Identität und Gerechtigkeitsempfinden vollzogen. Ein modernes, individualistisches Freiheitsverständnis hat das traditionell-bürgerliche, durch nationale Zusammengehörigkeit geprägte Selbstverständnis abgelöst. Dies führt jedoch nicht zu einem pessimistischen Grundtenor in diesem Band: Es wird kein Verfall dargestellt, sondern ein Wandel hin zu "einer zu gestaltenden Zukunft" (399). Auch die Analyse der Gefahren für die Bürgergesellschaft und die auf den Staat einwirkenden Institutionen (Kapitel VI) ändern nichts an dem insgesamt positiven Fazit des Autors: "Die prinzipielle Legitimität des liberaldemokratischen Systems steht [...] nach allen empirischen Untersuchungen in westeuropäischen Staaten auch in Zukunft außer Zweifel." (405) Die größte Herausforderung für Deutschland bleibe das Gelingen der Wiedervereinigung zweier politischer Kulturen nach Herstellung der nationalen Einheit in Deutschland.
Inhaltsübersicht: I. Legitimität in der Krise; II. Patriotismus; III. Eliten; IV. Wohlfahrtsstaat; V. Quellen von Solidarität und Bürgersinn; VI. Bürgergesellschaft und Staat; VII. Politische Legitimität in Ost- und Westdeutschland; VIII. Chancen und Risiken.
Stefan Lembke (SL)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.3 | 2.35 | 2.37 | 2.33 | 2.331 | 2.342
Empfohlene Zitierweise: Stefan Lembke, Rezension zu: Martin Greiffenhagen: Politische Legitimität in Deutschland Gütersloh: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/4913-politische-legitimitaet-in-deutschland_6479, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 6479
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M. A., Politikwissenschaftler.
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