Skip to main content
/ 04.06.2013
Annemarie Pieper

Gibt es eine feministische Ethik?

München: Wilhelm Fink Verlag 1998 (Uni-Taschenbücher 2034 [ISBN: 3-8252-2034-6]); 143 S.; kart., 20,- DM; ISBN 3-7705-3320-8
Ausgangspunkt von Piepers schmalem Buch ist der nicht unbedingt neue Gedanke, daß die männerbestimmte Philosophie und Wissenschaft die Leistungen von Frauen (bewußt) beiseite geschoben haben. Eine philosophische Sicht, die "gender" außer acht läßt, ist damit nicht neutral, sondern in Wirklichkeit androzentrisch. Ähnlich ist es in der Wissenschaft; in ihr herrscht "eine typisch männliche Vorstellung von Rationalität vor, die das phallische Modell einer vertikalen Subsumtionslogik favorisiert" (47). Statt dessen plädiert Pieper für ein horizontales Modell der Vernetzung gleichrangiger Glieder (49). Dies öffnet den Weg zu einer Überwindung androzentrischer Denkstrukturen durch die Ästhetik als Treffpunkt der Geschlechter: "Eine sich ihrer sinnlichen Komponente nicht schämende Rationalität könnte sich und ihre Wahrheitsbedingungen im ästhetischen Gewand präsentieren, indem sie sich der Einbildungskraft und ihrer reichhaltigen Metaphorik bedient, um im Allgemeinen das Besondere, in der Einheit das Differente sichtbar werden zu lassen." (73) Damit soll nicht eine einseitig-feministische Denkweise an Stelle einer einseitig-männlichen treten, sondern beide sollen sich überwinden: "Der Weg zu einer nicht-androzentrischen, post-feministischen Ethik führt über die Utopie, denn utopisches Denken bewegt sich auf jener mittleren Denkebene des Allgemeinen und Besonderen, auf welcher der Erkenntnisprozeß [...] der Dualität einen Spielraum eröffnen soll." (127) Der Band ist benutzerfreundlich mit Randnoten versehen, weist aber aus politikwissenschaftlicher Sicht auch bedeutende Defizite aus. Klassikerinnen wie Olympe de Gouges, Mary Wollstonecraft und Harriett Taylor-Mill werden nicht zur Kenntnis genommen; ebensowenig heutige politische Denkerinnen wie Friedan, Phillips, Hark oder die im Band Politische Theorie von Nagl-Docekal und Pauer-Studer (siehe ZPol 3/96: 917) versammelten Gedanken. Defizitäre männliche Philosophie, vor allem aus der Antike, wird ausführlich behandelt, aber die Auseinandersetzung mit dem Denken Foucaults bleibt ausgesprochen knapp (86 f.). In diesem Kontext interessante politische Philosophen wie John Stuart Mill oder Condorcet kommen überhaupt nicht vor. An mehr als einer Stelle besiegt die Autorin mithin die von ihr selbst bereitgestellten Windmühlen.
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.442.27 Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Annemarie Pieper: Gibt es eine feministische Ethik? München: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6392-gibt-es-eine-feministische-ethik_8692, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 8692 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA