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/ 27.02.2014
Georg Pichler

Gegenwart der Vergangenheit. Die Kontroverse um Bürgerkrieg und Diktatur in Spanien

Zürich: Rotpunktverlag 2013; 333 S.; brosch., 24,50 €; ISBN 978-3-85869-476-8
„Um die heutige Sicht auf den Spanischen Bürgerkrieg, um die Debatten und Kontroversen, die sich seit einem guten Jahrzehnt um das nun schon mehr als 75 Jahre zurückliegende Ereignis entsponnen haben, geht es in diesem Buch“ (7), schreibt Georg Pichler. Er ist gebürtiger Österreicher und lehrt Germanistik an der Universität Alcalá in Madrid. Die Erinnerung an den Bürgerkrieg stelle immer noch ein umkämpftes Thema dar, das sich in den Auseinandersetzungen über die Tagespolitik spiegle. Nachfahren beider Seiten stünden sich nach nunmehr drei Generationen noch immer feindlich gegenüber: die einen als Kinder und Enkel der Bürgerkriegssieger, die anderen als Nachkommen der Kriegsverlierer. Der Franquismus sei auch heute noch präsent, in nahezu allen politischen Debatten tauche der Begriff des franquistischen Erbes auf, wie etwa bei den Debatten über das Verhältnis zwischen Staat und Kirche oder den Kontroversen über den Autonomiestatus von Katalonien und dem Baskenland. Es handele sich um Auseinandersetzungen zwischen den „‚peripheren Nationalismen‘ und dem spanischen Zentralismus“ (8). Letzterer wurzele im 19. Jahrhundert, habe sich aber in den 1930er‑Jahren verstärkt – auch zuungunsten von Basken und Katalanen, deren Sprachen verboten worden seien. Pichler fragt, warum der Fortbestand des franquistischen Gedankenguts ebenso wie die Erinnerung an Bürgerkrieg und Franquismus einen Teil der spanischen Bevölkerung bis heute entzweit. Um die Situation in Spanien besser verstehen zu können, bietet er eine Einführung in die verschiedenen Gedächtniskonzepte und vergleicht die spanischen Debatten mit jenen in anderen europäischen und lateinamerikanischen Ländern. Ein Überblick über das franquistische Gedächtnis schließt sich an, dessen Symbole in Spanien noch heute zu finden sind. Ihm gegenüber stellt der Autor das Gedächtnis des Exils und des Widerstandes gegen die Diktatur, das erst in den vergangenen Jahren Aufmerksamkeit erfahren hat. Diese beiden Gedächtnisstränge seien ein erstes Mal in der transici Ón zusammengelaufen, der Phase des Übergangs von der Diktatur zur Demokratie, in der die Weichen gestellt worden seien für die unvollkommene Aufarbeitung der Vergangenheit: „Eines der grundlegenden Probleme der transici Ón, das bis heute weiterwirkt, war […] das Unvermögen oder der Unwillen vieler Bürgerkriegssieger, Verständnis, Empathie für die Verlierer oder gar Scham für die vollbrachten Untaten zu zeigen.“ (209) In diesem Band haben Vertreter beider Seiten, der republikanischen wie der franquistischen, Gelegenheit zur Selbstdarstellung, sodass die Darstellung sehr lebendig ist.
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Rubrizierung: 2.612.252.23 Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Georg Pichler: Gegenwart der Vergangenheit. Zürich: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36779-gegenwart-der-vergangenheit_42085, veröffentlicht am 27.02.2014. Buch-Nr.: 42085 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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