/ 04.06.2013
Wolfgang Palaver
Die mythischen Quellen des Politischen. Carl Schmitts Freund-Feind-Theorie
Stuttgart/Berlin/Köln: Verlag W. Kohlhammer 1998 (Beiträge zur Friedensethik 27); 83 S.; kart., 24,80 DM; ISBN 3-17-015135-5Der vor allem in den letzten Jahren von Heinrich Meier vertretenen These, bei dem Begriff des Politischen bei Carl Schmitt handele es sich um Politische Theologie, die Gehorsam gegenüber der Wahrheit der Offenbarung voraussetze, und zwar im Falle Schmitts "die Wahrheit der Bibel" (Meier), widerspricht Palaver. Vielmehr weise "Schmitts Politische Theologie und sein Begriff des Politischen eine große Nähe zum mythischen Denken" (9) auf.
Die Unterscheidung von Freund und Feind als die spezifische politische Unterscheidung, verstanden als Bestimmung des Kriteriums, nicht des Inhaltes des Politischen bei Carl Schmitt, akzeptiert Palaver, um mit Schmitt die Feindschaft unter den Menschen zu verstehen. Allerdings weist er gleich zu Beginn seiner Untersuchung auf die Widersprüchlichkeit hin, wenn Schmitt, den er von den Vorwürfen des Bellizismus freispricht, seinen Begriff des Politischen mit seinem Intensitätskonzept, wonach das Politische mit dem Intensitätsgrad der Freund-Feind-Unterscheidung zunehme, verbindet.
Indem Schmitt Menschsein ohne Feindschaft nicht zu denken vermag, überwindet er nicht die mythischen Grundmuster. Gleichwohl erscheinen sie im "christlich-katholischen Kleid". Diese "typische Mischung von mythischem Grundmuster und christlicher Tradition" nennt Palaver mit Schmitt "heidenchristlich" (10). Unter Bezug auf Girard verweist Palaver auf die Befangenheit im Mythos der Schmittschen Politischen Theologie, die sich im Gegensatz befinde zu einem "theologischen Forschungsprogramm, dessen 'harter Kern' im Glauben an einen Gott besteht, der einen echten und dauerhaften Frieden zwischen den Menschen ohne Opferung Dritter und ohne Polarisierung auf Feinde möglich macht" (52). "Eine biblisch ausgerichtete Friedensethik muß durch das Purgatorium der Schmittschen Freund-Feind-Theorie hindurchgehen [...], um im Gegensatz zu Schmitt den Weg erkennen zu können, auf dem die Gnade Christi die Politik erlösen kann." (71)
Inhalt: 2. Analytisches Potential und grundsätzliche Widersprüchlichkeit des "Begriffs des Politischen": 2.1 Vom Kalten Krieg zum "Heißen Frieden"; 2.2 "Hegung des Friedens" oder bellizistische Vernichtungstheorie? 3. Schmitts "Begriff des Politischen" als Politische Theologie: 3.1 Gen 3,15 als Fundament Schmitts Politischer Theologie (H. Meier); 3.2 Schmitts Distanzierung von Theologie und Politik; 3.3 Heraklit oder die "Wahrheit der Bibel"; 3.4 Die Bejahung des Naturzustandes: Einheit gegen andere (L. Strauss); 3.5 Heidenchristliche Rechtfertigung des Krieges. 4. Die Mythischen bzw. religiös-rituellen Quellen des Begriffs des Politischen: 4.1 Aischylos' "Eumeniden" als "Mythos des Politischen (Ch. Meier); 4.2 Der religiös-rituelle Ursprung des Politischen (R. Girard); 4.3 Die Ambivalenz des Politischen. 5. Heidenchristentum: Die mythische Prägung Schmitts Politischer Theologie: 5.1 Die Privatisierung der Feindesliebe; 5.2 Verknüpfung von Erbsünde und Prädestination; 5.3 Politische Christologie: "Gott gegen Gott".
Heinz-Werner Höffken (Hö)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg.
Rubrizierung: 5.44
Empfohlene Zitierweise: Heinz-Werner Höffken, Rezension zu: Wolfgang Palaver: Die mythischen Quellen des Politischen. Stuttgart/Berlin/Köln: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/3996-die-mythischen-quellen-des-politischen_5675, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 5675
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg.
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