/ 17.06.2013
Harald Stelzer
Karl Poppers Sozialphilosophie. Politische und ethische Implikationen
Wien: Lit 2004 (Sozialphilosophie 1); VIII, 278 S.; brosch., 19,90 €; ISBN 978-3-8258-8318-8Deutschsprachige Monografien zur Sozialphilosophie Poppers sind eher selten, obwohl er mit der „offenen Gesellschaft“ und dem „Historizismus-Elend“ wirkmächtige Thesen zum Totalitarismus formuliert hat. Nach den Arbeiten von Keuth (Die Philosophie Karl Poppers, 2000, siehe ZPol 4/02: 1.988 f., ZPol-Nr. 15233) und Döring (Karl Popper: „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, 1996, siehe ZPol 4/96: 1.337, ZPol-Nr. 2485) nimmt nun Stelzer, Philosoph an der Universität Graz, Popper „ganzheitlich“ in den Blick, d. h. auch den Zusammenhang von Sozialphilosophie und Wissenschaftstheorie. Das ist interessant, da Stelzer einerseits verkürzende Kritik an Popper zurückweisen kann. Dieser habe schließlich gar keine „tiefschürfende Behandlung einzelner sozialphilosophischer Themen“ beabsichtigt (3). Auf der anderen Seite deckt Stelzer damit genau den kritischen Punkt der von Popper vorausgesetzten „politischen Anthropologie“ auf: Denn soweit sich die Sozialphilosophie der „Stückwerkstechnologie“ zur Verbesserung der Welt aus der Theorie und dem Ethos des kritischen Rationalismus ergibt, stellt er zu Recht die Frage, inwieweit dieses Modell der offenen Gesellschaft einer mit der Falsifikation um Wahrheit ringenden „Gelehrtenrepublik“ (178) auf den politischen Prozess einer pluralistischen Gesellschaft übertragbar ist. Das soll die Verdienste Poppers um eine – gerade im deutschsprachigen Raum so seltene – liberale Gesellschaftstheorie nicht schmälern. Insoweit man dies wie Stelzer auch als normatives Postulat begreift, kann daher der kritischen Sympathie des Autors für das „aufklärerische Projekt“ Poppers durchaus gefolgt werden. Gleichwohl hätte man gerne über dessen „Dialektik“ mehr erfahren: Ist Poppers Ideologiekritik, die zu Recht vor der quasi-religiösen Verheißung des Paradieses auf Erden warnt, nicht selbst ideologieverdächtig – nämlich der Fortschrittsideologie, die sich aus dem naturwissenschaftlichen Glauben an die rationalistische „Machbarkeit“ durch (Sozial-)Technik speist? Schließlich wäre zu bedenken, ob die Totalitarismen nicht Rückfälle in die Barbarei, sondern gerade Phänomene der Moderne gewesen sind.
Robert Chr. van Ooyen (RVO)
Dr., ORR, Hochschullehrer für Staats- und Gesellschaftswissenschaften, Fachhochschule des Bundes Lübeck; Lehrbeauftragter am OSI der FU Berlin sowie am Masterstudiengang "Politik und Verfassung" der TU Dresden.
Rubrizierung: 5.46 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Robert Chr. van Ooyen, Rezension zu: Harald Stelzer: Karl Poppers Sozialphilosophie. Wien: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14732-karl-poppers-sozialphilosophie_29623, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 29623
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Dr., ORR, Hochschullehrer für Staats- und Gesellschaftswissenschaften, Fachhochschule des Bundes Lübeck; Lehrbeauftragter am OSI der FU Berlin sowie am Masterstudiengang "Politik und Verfassung" der TU Dresden.
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