/ 21.06.2013
Wolfgang Frindte
Inszenierter Antisemitismus. Eine Streitschrift
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006; 321 S.; brosch., 29,90 €; ISBN 978-3-531-15101-4Der Antisemitismus sei eine kalkulierte Inszenierung, bei der nicht einzelne Jüdinnen und Juden das Ziel seien, schreibt Frindte, Professor für Psychologie in Jena. Die Antisemiten verweigerten vielmehr den Juden die Rechtmäßigkeit ihrer Existenz als Mitglieder sozialer Gemeinschaften. Dazu würden falsche Bilder und eigene Unzulänglichkeiten auf die Juden projiziert, wobei die eigentliche Funktion des Antisemitismus die „Selbstinszenierung der Antisemiten“ (25) sei. Sie agierten auf diese Weise gegen die Freiheit, die Toleranz und die Verschiedenheit der Menschen und der sozialen Gemeinschaften. Frindte versteht seine Studie als Streitschrift wider den Antisemitismus in Deutschland und als ein Plädoyer für eine Zivilgesellschaft, in der „das Anderssein der anderen als Selbstverständlichkeit anerkannt wird“ (7). Seine These vom Antisemitismus als einer kalkulierten, abstrakten Inszenierung untermauert Frindte, indem er verschiedene Zugänge zum Thema miteinander verbindet; dazu gehören die historische Entwicklung, ein Exkurs zum vermeintlichen Antisemitismus bei Marx, die Koppelung von Nationalismus und Antisemitismus, antisemitische Skandale in der Bundesrepublik sowie verschiedene Erhebungen zu politischen Meinungen und Vorurteilen, u. a. von Heitmeyer über „Deutsche Zustände“. Steter Referenzpunkt der Interpretation sind die Schriften von Hannah Arendt. Das Buch schließt mit einer fiktiven Gesprächsrunde, zu der Frindte neben Arendt auch Zygmunt Baumann, Ignaz Bubis, Friedrich Engels, Heinrich Heine, Stefan Heym, Jacob Katz, Leo Löwenthal, Karl Marx und Hans Mayer „eingeladen“ hat. Aus der kurzweiligen (Zitaten-)Debatte lässt sich die ernüchternde Erkenntnis ziehen, dass die Voraussetzungen und die politische Funktion des Antisemitismus unbeschadet Jahrzehnte und Jahrhunderte überdauert haben.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.23 | 2.35 | 5.33 | 5.46
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Wolfgang Frindte: Inszenierter Antisemitismus. Wiesbaden: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26568-inszenierter-antisemitismus_30968, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 30968
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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