/ 04.06.2013
Jürgen Mirow
Geschichte des deutschen Volkes. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. In zwei Bänden. Band 1: Anfänge bis 1850, Band 2: 1850 bis heute
Gernsbach: Casimir Katz Verlag 1996; 1.288 S.; geb., 148,- DM; ISBN 3-925825-64-9Für Mirow ist nicht der deutsche Nationalstaat, wie er vor allem im 19. Jahrhundert verstanden wurde, das Ziel oder der deutsche Gesamtstaat die prägende Kraft in der deutschen Geschichte. Für ihn ist das deutsche Volk, das er als eine "Großgruppe von Menschen, die miteinander kommunizieren" (17) auffaßt, Träger der deutschen Geschichte. Die Mitglieder dieser Gruppe kommunizieren vor allem durch Sprache, die "zugleich ein System menschlicher Weltaneignung und Weltanschauung" (19) darstellt. Durch diese Vorgaben steckt Mirow den zeitlichen und räumlichen Rahmen seiner Darstellung ab: Sie beginnt im 10. Jahrhundert - "Die jeweiligen Zeitgenossen vom 10. Jahrhundert bis heute haben stets den Begriff eines deutschen Volkes gekannt" (19) -, und da das Volk getrennt von der Staatsnation gesehen wird, die ja Menschen verschiedener Volkszugehörigkeiten umfassen kann, meint der Autor räumlich den gesamten Siedlungsraum, solange sich die Auswanderer aus den Kerngebieten nicht assimiliert hatten und als Deutsche verstanden.
Der Autor gliedert jedes seiner Kapitel über die einzelnen Epochen nach folgenden Kategorien: 1. zahlenmäßiger Bestand; Veränderungen des Siedlungsgebietes sowie Lage der Minderheiten; 2. Auseinandersetzung der Menschen mit ihrer physischen Umwelt; 3. das System gesellschaftlicher Beziehungen; 4. Wertvorstellungen, Glaubensüberzeugungen, Geisteshaltungen, künstlerische und literarische Gestaltungsformen; 5. das Ringen zwischen zentralistischen und partikularistischen Kräften; 6. Organisation von Herrschaft in den einzelnen Staaten; 7. außenpolitische Beziehungen der deutschen Staaten; 8. das Erbe.
Es geht Mirow "um die Geschichte des Volkes als Ganzem", also nicht nur um die Geschichten der Eliten oder der kleinen Leute, sondern um "Art und Wandel jener überindividuellen Erscheinungen wie z. B. Wirtschaftsordnungen und gesellschaftliche Gliederungen, Weltanschauungen und Kunststile, Herrschaftsordnungen und politische Konstellationen" (23). Dabei unterscheidet er zwischen drei Verlaufsgeschwindigkeiten, die in immer wieder veränderten Mischungsverhältnissen auftraten: a) die "Form extrem langsamen Wandels" bei Strukturen; b) die "langsamen Entwicklungen" der Trends einer Epoche; c) die raschen Veränderungen wie z. B.: Konjunkturschwankungen, wechselnde Mode und politische Ereignisse.
Seine Darstellung orientiert sich dabei an Wertmaßstäben, die nicht aus der Geschichte ableitbar seien - "sie sind stets subjektive Setzung" (25) - und die auch behutsam an die Geschichte herangetragen werden müßten, damit "historisches Urteil nicht zu bloßem Abkanzeln verkommen soll" (25). Vier Wertmaßstäbe sind ihm wichtig: 1. "die Freiheit des einzelnen zu einer selbstverantwortlichen und vernünftigen Lebensführung"; 2. "die Fähigkeit der Menschen, die Natur zur Befriedigung ihrer materiellen Bedürfnisse sinnvoll zu nutzen"; 3. "die Sicherheit vor Gewalt und vor den Gefährdungen der sozialen Existenz"; 4. "die Gerechtigkeit in den gesellschaftlichen Beziehungen" (25). Als die erste Auflage 1990 erschien, wurde sie von der Kritik geradezu emphatisch begrüßt.
Inhalt: Band 1: Anfänge bis 1850: 1. Vorspiel zur deutschen Geschichte: 1.1 Entstehung von Volk, Staatsnationen und Reich der Deutschen; 1.2 Die Entstehung der gesellschaftlichen und politischen Ordnung; 1.3 Am Beginn der deutschen Geschichte. 2. Die Deutschen im hohen Mittelalter: 960-1250: 2.1 Bevölkerungswachstum und Besiedelung; 2.2 Im Zeichen von Pflug und Wald; 2.3 Bauer und Grundherr; 2.4 Zwischen heimischem und christlichem Erbe; 2.5 Das Kaisertum im Ringen mit Fürsten und Papsttum; 2.6 Der Personenverbandsstaat; 2.7 Das Reich als Vormacht Europas; 2.8 Erbe. 3. Die Deutschen im späten Mittelalter: 1250-1470: 3.1 Ostsiedlung und Schwarzer Tod; 3.2 Aufblühen der Stadtwirtschaft; 3.3 Entstehen des Stadtbürgertums, 3.4 Lebenslust und Höllenangst; 3.5 Dynastische Hausmachtpolitik und Zerfall des Reiches; 3.6 Zwischen herrschaftlichem und genossenschaftlichem Prinzip; 3.7 Außenpolitik ohne Reich; 3.8 Erbe. 4. Von der bürgerlichen Frühblüte zum Vernichtungskrieg: 1470-1648: 4.1 Volk und Hochsprache; 4.2 Märkte, Fernhandel und großes Kapital; 4.3 Ständische Ordnung; 4.4 Geistiger Aufbruch und Konfessionalisierung; 4.5 Reichsreform und konfessionelle Kämpfe; 4.6 Anspruch auf Mitbestimmung und Anfänge des Staatsapparats; 4.7 Das Reich als Opfer fremder Mächte und dynastischer Interessen; 4.8 Erbe. 5. Zeitalter der Fürstenhöfe: 1648-1780: 5.1 Deutsches Volk innerhalb und außerhalb des Reiches; 5.2 Kameralistische Wirtschaftspolitik; 5.3 Erstarrung der Gesellschaft; 5.4 Im Glanz und Schatten der höfischen Kultur; 5.5 Zerfall der Adelsnation und Entstehen des österreichisch-preußischen Dualismus; 5.6 Zeitalter des Absolutismus; 5.7 Franzosenkriege und Türkensiege; 5.8 Erbe. 6. Aufsteigendes Bürgertum und beharrende Fürstenmacht: 1780-1850: 6.1 Auswanderung nach Ost und West; 6.2 Bahn frei für die freie Konkurrenz; 6.3 Auflösung der Ständegesellschaft; 6.4 Zeitalter der bürgerlichen Kultur; 6.5 Untergang des alten Reiches und Entstehen einer bürgerlichen Staatsnation ohne Nationalstaat; 6.6 Reform - Reaktion - Revolution; 6.7 Erbe. Band 2: 1850 bis heute: 7. Industrialisierung und kleindeutscher Obrigkeitsstaat: 1850-1918: 7.1 Überseewanderung und Nationalitätenkampf; 7.2 Im Zeichen von Kohle und Eisen: die Industrialisierung; 7.3 Klassengesellschaft und Soziale Frage; 7.4 Bürgerliche Kultur, Massenkultur und Kulturpessimismus; 7.5 Die kleindeutsche Lösung der nationalen Frage; 7.6 Mit dem Obrigkeitsstaat ins Zeitalter der Massen; 7.7 Auf dem Weg zur vierten Weltmacht; 7.8 Erbe. 8. Umstrittener Pluralismus und Nationalsozialismus: 1918-1945: 8.1 Das Elend der Volkstumspolitik; 8.2 Wirtschaft im Wechselbad von Krisen und Scheinblüten; 8.3 Klassenkampf und erzwungene "Volksgemeinschaft"; 8.4 Zwischen "Avantgarde" und "artgemäßer" Kultur; 8.5 Zwischen Separatismus und großdeutscher Lösung; 8.6 Demokratische Republik, autoritäres System und nationalsozialistische Führerdiktatur; 8.7 Von der Revisionspolitik zum gescheiterten Hegemonieversuch; 8.8 Erbe. 9. Fortgeschrittener Industrialismus und gegensätzliche Ordnungssysteme: 1945-1989: 9.1 Schrumpfen des Siedlungsraumes und neue Minderheiten; 9.2 Zeitalter des Massenkonsums; 9.3 Spaltung und Konkurrenz zweier Gesellschaftsordnungen; 9.4 Kulturleben; 9.5 Nationale Spaltung im Ost-West-Gegensatz; 9.6 Pluralistische Demokratie und kommunistische Parteidiktatur; 9.7 Im Gefolge der Supermächte; 9.8 Erbe. 10. Die Deutschen in der Gegenwart: seit 1989: 10.1 Deutschland als Magnet für Einwanderer; 10.2 Wirtschaftsunion; 10.3 Die unvollendete soziale Einheit; 10.4 Kulturleben; 10.5 Erneute staatliche Einheit; 10.6 Die gewaltlose Revolution; 10.7 Rückkehr zur Großmachtrolle?
Heinz-Werner Höffken (Hö)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg.
Rubrizierung: 2.31
Empfohlene Zitierweise: Heinz-Werner Höffken, Rezension zu: Jürgen Mirow: Geschichte des deutschen Volkes. Gernsbach: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/4078-geschichte-des-deutschen-volkes_5775, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 5775
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg.
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