Skip to main content
/ 04.06.2013
David Signer

Fernsteuerung. Kulturrassismus und unbewußte Abhängigkeiten

Wien: Passagen Verlag 1997; 301 S.; brosch., 68,- DM; ISBN 3-85165-276-2
Der Autor, Ethnologe und Psychologe, stellt die Kategorie des Unbewußten in den Bedeutungszusammenhang gesellschaftlicher und politischer Konflikte. In einem theoretischen Teil erweitert Signer zunächst das Konzept der klassischen Ethnopsychologie, welche die Sozialisationsprozesse und Kulturbildung als lineare, deterministische Entwicklungen beschreibt. Der seit Freud diskutierte Antagonismus zwischen Trieb und Kultur wird spätestens mit dem französischen Poststrukturalismus in Frage gestellt und umformuliert. Das Unbewußte wird einerseits nicht mehr lediglich als etwas Irrationales und Kulturfeindliches dargestellt, andererseits wird die Identifizierung von Gesellschaft und Kultur mit dem Rationalen hinfällig. Signer überträgt das psychoanalytische Konzept der "projektiven Identifizierung" (d. h. das eigene Verhalten paßt sich immer mehr dem Bild an, das sich der Andere, die Umwelt, von einem gemacht hat) auf gesellschaftliche Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster. Der Fremde, der Asylant verkörpere somit letztlich die verdrängten, nicht bewältigten Probleme der Einheimischen. Das eigene Unerwünschte wird auf den Anderen übertragen, das Unbewußte, die Phantasmen einer bestimmten Kultur erhalten im Fremden Realität. In einem zweiten Teil verdeutlicht Signer anhand des Krieges in Ex-Jugoslawien, wie gesellschaftliche "Realitäten" im nachhinein und immer innerhalb eines symbolischen, kulturellen Kontextes konstruiert werden, der wesentlich unbewußt bleibt. Mit den maßgeblich durch die Medien heraufbeschworenen Idealbildern von Heimat und Nation wurden zugleich Gefühle der Niederlage und Bedrohung in die Feindbilder projiziert, das Unbewußte konstruierte schließlich die Wirklichkeit. "So wurde in Serbien solange von den kroatischen Ustascha-Faschisten geredet, [...] bis sie wieder auftauchten." (111) Diese Faschisten seien jedoch "nur der eigene, uneingestandene, abgespaltene und nach außen projizierte Faschismus" (111). Mit Hilfe derselben Mechanismen der unbewußten Abhängigkeiten und "Fernsteuerung" schreibt Signer schließlich dem zuschauenden EU-Europa eine maßgebliche Verursacherrolle dieses Krieges zu. Der Nationalismus in Ex-Jugoslawien habe nichts mit einem Rückfall ins 19. Jahrhundert zu tun, er sei vielmehr der Ausdruck unserer Ambivalenzen und Desorientierungen hinsichtlich Ethnizität und Nationalismus in dem sich zunehmend vereinheitlichenden westlichen Europa. Mit einem "Akt der Verzweiflung in einer Zusammenbruchsökonomie" (123) versuchen die Draußengebliebenen noch "den Aufsprung auf die Arche Noah des EU-Europas zu schaffen" (123) oder "zu plündern, zu holen, was noch zu holen ist" (128).
Andreas Eis (AE)
Jun.-Prof. Dr., Didaktik des politischen Unterrichts und der politischen Bildung, Institut für Sozialwissenschaften Oldenburg, Fakultät I.
Rubrizierung: 5.424.42 Empfohlene Zitierweise: Andreas Eis, Rezension zu: David Signer: Fernsteuerung. Wien: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/5765-fernsteuerung_7496, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 7496 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA