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/ 19.06.2013
John Gray

Die Geburt al-Qaidas aus dem Geist der Moderne. Aus dem Englischen von Ulrike Becker

München: Verlag Antje Kunstmann 2004; 175 S.; geb., 16,90 €; ISBN 3-88897-355-4
Der islamistische Terrorismus wird überwiegend als antimodernes Phänomen, als „Rückfall in das Mittelalter" und die „Barbarei" gedeutet - ebenso wie schon zuvor die NS-Diktatur und der Stalinismus. Modernitätskritische Ansätze - etwa im Rahmen der Totalitarismustheorie (Arendt, Voegelin, Talmon) -, aber auch Horkheimer/Adorno in ihrer „Dialektik der Aufklärung" haben diese Diktaturen dagegen schon früh als die „dunkle Seite" der Moderne begriffen, indem sie u. a. die ideengeschichtlichen Rezeptionslinien vom jakobinistischen Terrorismus der Französischen Revolution zu den totalitären Diktaturen von „links" und „rechts" herausarbeiteten. Von einer solchen Perspektive aus betrachtet Gray, der an der London School of Economics Europäische Ideengeschichte lehrt, das Phänomen Al-Kaida. Seine These lautet: „Ebenso wie Kommunismus und Nazismus ist auch der radikale Islam eine moderne Erscheinung" (14). So finde man ihre „wahren Vorgänger [...] in den europäischen Revolutionsbewegungen des späten neunzehnten Jahrhunderts, die die Philosophie der Tat propagierten" (35). Gray beweist dabei die Leistungsfähigkeit von politischer Ideengeschichte und Theorie für das Verständnis aktueller „realer" Phänomene. Denn so gesehen ist Al-Kaida nicht nur in der „Netzwerkstruktur" und im Gebrauch technischer Hilfsmittel modern. Mit den russischen Anarchisten (Bakunin, Kropotkin) verbindet sie vielmehr der Erlösungsglaube der „politischen Religionen" der Moderne (Voegelin), nämlich der Glaube an grenzenlose menschliche Machbarkeit zur Errichtung des vollständigen Glücks auf Erden. Der Konflikt zwischen Al-Kaida und dem Westen ist daher kein Kampf der Kulturen, sondern ein zwischen Zwillingen geführter „Religionskrieg. Die aufklärerische Idee einer universalen Zivilisation [...] ist christlichen Ursprungs. Die merkwürdige Kreuzung aus Theokratie und Anarchie von al-Qaida ist ein Abfallprodukt westlichen radikalen Denkens" (151).
Robert Chr. van Ooyen (RVO)
Dr., ORR, Hochschullehrer für Staats- und Gesellschaftswissenschaften, Fachhochschule des Bundes Lübeck; Lehrbeauftragter am OSI der FU Berlin sowie am Masterstudiengang "Politik und Verfassung" der TU Dresden.
Rubrizierung: 2.252.232.25.42 Empfohlene Zitierweise: Robert Chr. van Ooyen, Rezension zu: John Gray: Die Geburt al-Qaidas aus dem Geist der Moderne. München: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/20845-die-geburt-al-qaidas-aus-dem-geist-der-moderne_24309, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 24309 Rezension drucken
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