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/ 20.06.2013
Anton Pelinka

Demokratie in Indien. Subhas Chandra Bose und das Werden der politischen Kultur

Innsbruck/Wien/Bozen: Studien Verlag 2005; 296 S.; geb., 35,- €; ISBN 3-7065-4030-4
„Die Vorstellung, dass eine moderne Nation Homogenität voraussetzt, ist falsifiziert: durch die indische Demokratie.“ (214) Als riesige Region mit verschiedenen Sprachen und Religionen sowie belastet mit dem Kastensystem funktioniere Indien als stabile Demokratie aus einem Grund, der über die Erfahrungen des Westens hinausreiche: Dem europäisch-amerikanischen Muster eines an Wettbewerb und Mehrheit ausgerichteten Systems sei in Indien ein zusätzliches Muster zugefügt worden – es fehle die Eindeutigkeit der Rollenverteilung zwischen Siegern und Verlierern, Regierung und Opposition. Die indische Demokratie basiere auf einer Allianz von Minderheiten und dem Verzicht einer Mehrheit, ihr Gewicht auszuspielen. Zudem herrsche in dieser zutiefst religiös geprägten Gesellschaft ein Konsens über den säkularen Charakter des Staates. Pelinka, Professor für Politikwissenschaft in Wien, fächert seine als Einführung und Vertiefung in das Thema sehr gelungene Analyse präzise auf, behandelt u. a. die Verfassung, die Parteien, die Bildung der Nation sowie die indische Außenpolitik. Diese Darstellung beansprucht die Hälfte des Buches, genauer: jedes zweite Kapitel. Als Zugang zur Erklärung der indischen Demokratie dient die Biografie von Subhas Chandra Bose. Der 1944 tödlich verunglückte Politiker "wollte und konnte nicht warten, bis die indische Unabhängigkeit als logisch angelegtes Produkt globaler Entwicklung dem Kongress in den Schoss gefallen wäre" (270). Als anerkannter und in den eigenen Reihen geachteter Exilpolitiker, der ein modernes Indien anstrebte, suchte er die Kooperation mit den Achsenmächten. Zwar stieß er in Deutschland auf Desinteresse, wurde dann aber in Japan als Premierminister der indischen Exilregierung empfangen. Mit der Niederlage Japans allerdings wurde Boses kriegerischer Weg zur Unabhängigkeit versperrt, der politische Pfad Gandhis und Nehrus trat wieder in den Vordergrund. Bose aber sei bis heute in Indien ein Mythos und stehe – durchaus integrierend - für die militante Deutung der Unabhängigkeitsgeschichte.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.682.22.212.222.232.244.222.42.3124.12.1 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Anton Pelinka: Demokratie in Indien. Innsbruck/Wien/Bozen: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/22379-demokratie-in-indien_25536, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 25536 Rezension drucken
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