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/ 18.06.2013
Norbert Bolz

Das konsumistische Manifest

München: Wilhelm Fink Verlag 2002; 156 S.; kart., 10,- €; ISBN 3-7705-3744-0
Die These des Buches: da die westliche Welt unter den Bedingungen einer feminisierten Öffentlichkeit keine erklärten Kriege mehr führen könne, müsse der Friede durch den Markt, den Zugang zu ihm und den mit ihm verbundenen Konsum hergestellt werden (16), hat durch den zweiten Irak-Krieg an Überzeugungskraft verloren. Die Hoffnung auf den Konsum als „Immunsystem der Weltgesellschaft gegen den Virus der fanatischen Religionen" ist insofern plausibel, als der Wohlstand in den westlichen Demokratien den Himmel der Ideen und des Glaubens nachhaltig ausgeräumt zu haben scheint. Bolz verweist auf die zivilisatorischen Effekte des Marktsystems; der Kapitalismus habe die Menschen auf Zivilisationstemperatur gebracht. Die westlichen Werte seien dagegen völlig unbestimmt und werden in Verfahrensfragen aufgelöst. „Die neutralen Prinzipien des Liberalismus können nur operieren, wenn sie zuvor das geopfert haben, was die Leute interessiert. Vor allem der liberale Spitzenwert der Diversität entwertet alle anderen Werte." (31) „Wer über einen Werteverlust jammert, verkennt den spezifischen Werteverzicht der modernen Gesellschaft. Dass sie nicht mehr zu bieten hat als formale Demokratie, Liberalismus und Marktwirtschaft, ist gerade das Geheimnis ihrer Stärke." (39) Der Autor vollzieht eine deutliche Trennung zwischen der Welt der Ideen und des Glaubens, die anscheinend nur Schreckliches hervorzubringen in der Lage sind und dem vom Liberalismus flankierten Marktsystem. In Wahrheit handelt es sich um einen Fluchtversuch, letztlich auch vor dem Politischen; Brot und Spiele gegen Ruhe und Frieden, Geld und Konsum als Ersatz von Ideen. Ob dies eine Illusion, eine Zustandsbeschreibung oder das Ende der Geschichte ist oder sein wird, kann der Leser entscheiden. Das Buch bietet eine Vielzahl anregender Gedanken und Interpretationen und bereitet auch sprachlich - von den zahlreichen englischen Begriffen und Zitaten abgesehen - ein hohes Lesevergnügen.
Henry Krause (HK)
Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
Rubrizierung: 5.42 Empfohlene Zitierweise: Henry Krause, Rezension zu: Norbert Bolz: Das konsumistische Manifest München: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/19268-das-konsumistische-manifest_22381, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 22381 Rezension drucken
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