/ 11.06.2013
Sebastian Conrad
Auf der Suche nach der verlorenen Nation. Geschichtsschreibung in Westdeutschland und Japan, 1945-1960
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1999 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 134); 485 S.; kart., 58,- DM; ISBN 3-525-35798-2Geschichtswiss. Diss. FU Berlin; Gutachter: J. Kocka. – Conrads Buch bietet einen sehr interessanten Vergleich des historiographischen Umgangs mit dem verlorenen Zweiten Weltkrieg und der problematisch gewordenen Kategorie der Nation in Japan und Deutschland. Seine vergleichende Studie deutscher und japanischer Geschichtsschreibung faßt drei Themenkomplexe ins Auge: die "historiographische Entwicklung", die Conrad nachzeichnet, war um die Konstruktion einer "nationalen Identität" bemüht, die vereinbar sein mußte und aufbaute auf der "Bewältigung der Vergangenheit". Im ersten Themenfeld geht es ihm nicht allein um eine Herausarbeitung methodischer Differenzen, die Gefahr liefe, in einer schematischen Gegenüberstellung von konservativem Späthistorismus in Westdeutschland und kritischer Sozialgeschichte in Japan zu münden, so Conrad – jenseits dieses in der historischen Forschung vorherrschenden Primats der Methodologie weist der Autor im Rahmen eines diskursgeschichtlichen Ansatzes die konkreten politischen Bedingungen für Interpretationsmuster und Argumentationsstrukturen nach. Im zweiten Themenfeld wartet Conrad mit dem zunächst paradoxalen Befund auf, daß sowohl die japanische als auch die deutsche Geschichtswissenschaft trotz der rhetorischen Abkehr von nationalen Perspektiven doppelt auf die Nation bezogen blieb: "zum einen war die Nation nach wie vor der privilegierte Gegenstand der Geschichtsschreibung [...], [z]um anderen wurde die Nation nach wie vor als Subjekt der Geschichte, als Motor des Geschehens betrachtet." (12) Symptomatisch für die Geschichtsschreibung beider Länder erweist sich hierbei, daß das eigene Volk als Opfer von Gewalt und faschistischer bzw. nationalsozialistischer Machtusurpation dargestellt wird und durch diese Externalisierung der jüngsten Geschehnisse aus der eigenen Geschichte ein wahrer "nationaler Kern" in der Vergangenheit lokalisierbar ist. Eine Analyse unter dem dritten Aspekt der Nachkriegsgeschichtsschreibung fördert den interessanten Befund zutage, daß in der frühen Nachkriegszeit der Umgang der japanischen Geschichtswissenschaft mit der Vergangenheit wesentlich kritischer war als in der westdeutschen. Allerdings bildeten die japanischen Historiker lediglich eine akademische Opposition zur konservativen japanischen Politik, die mittelfristig, im Zeichen der chinesischen Revolution und des Koreakrieges, ein konservativ-apologetisches Geschichtsbild in der breiten Öffentlichkeit verankern konnte. Es wäre wünschenswert, daß diese fruchtbare Studie um einen Vergleich beider Länder im Zeitraum zwischen 1960 und 1989 oder gar bis zur Gegenwart ergänzt würde. Die Frage, ob es in der japanischen Gesellschaft Pendants zu deutschen Auseinandersetzungen wie der Fischer-Kontroverse in den 60er Jahren oder dem Historikerstreit (1986) gegeben hat, ob sich also die Paralleldarstellung auch für die Jahre nach 1960 fortführen ließe, harrt der Bearbeitung.
Inhaltsübersicht: I. Positionsbestimmung. Moderne Geschichtsschreibung in Deutschland und Japan – ein vergleichender Überblick; II. Der Ursprung der Nation. Bismarck, Meiji Ishin und das Subjekt der Geschichte; III. Die Nation als Opfer. Historiographie des Nationalsozialismus und des japanischen Faschismus; IV. Die 'Erfindung' der Zeitgeschichte; V. Die 'Temporalisierung des Raumes'. Deutschland und Japan zwischen West und Ost.
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.23 | 2.35 | 2.68 | 2.312 | 2.313
Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Sebastian Conrad: Auf der Suche nach der verlorenen Nation. Göttingen: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10697-auf-der-suche-nach-der-verlorenen-nation_12648, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 12648
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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