/ 11.06.2013
Volker Perthes
Vom Krieg zur Konkurrenz: Regionale Politik und die Suche nach einer neuen arabisch-nahöstlichen Ordnung
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2000 (Internationale Politik und Sicherheit 49); 423 S.; geb., 48,- DM; ISBN 3-7890-6712-1Die Krisenregion des Nahen Ostens hat seit dem zweiten Golfkrieg und dem Beginn des israelisch-arabischen "Friedensprozesses" in Madrid 1991 erhebliche Veränderungen erfahren, die eine rege Debatte über die zukünftige regionale Ordnung stimuliert haben. Perthes geht es in seiner Arbeit um die Analyse der Konturen, Strukturmerkmale und Entwicklungsrichtungen dieser von ihm so bezeichneten arabisch-nahöstlichen Region. Er folgt dabei einem Ansatz der Area Studies, der von einer relativen Konfliktautonomie des regionalen Systems ausgeht, das dementsprechend den zentralen Bezugsrahmen für seine relevanten Akteure (vornehmlich die Nationalstaaten, aber auch islamistische Bewegungen und regionale Organisationen wie die Arabische Liga) bietet. An Globaltheorien wird dabei zwar angeknüpft, so bei der Kennzeichnung des regionalen Systems als eine typische Zone of War, ohne aber der neorealistischen oder der liberalen beziehungsweise funktionalistischen Perspektivverengung zu folgen.
Im Zentrum der Untersuchung stehen nach einer Auseinandersetzung mit den Trends regionaler Politik zwischen 1991 und 1998, die als "Übergang vom regionalen Kriegszustand zu komplexeren Formen wirtschaftlicher und politischer Konkurrenz" (130) charakterisiert werden, die Sicherheit(-spolitik) und die politische Ökonomie als zentrale "Handlungssektoren des regionalen Systems" (11). Perthes konstatiert in Folge des Friedensprozesses, weltwirtschaftlicher Entwicklungen und des Einflusses externer Akteure verbesserte Bedingungen für eine regionale ökonomische Zusammenarbeit. Gleichwohl würden sicherheitspolitische Erwägungen auf absehbare Zeit Priorität behalten. Diese seien auch eine wichtigere Determinante der Außenpolitik sämtlicher Regime im arabischen Nahen Osten - wie der Verfasser in einem lesenswerten Exkurs zum Konzept des Rentseeking ausführt - als das Streben nach Renteneinkommen.
Generell betont die Studie die weitere Konsolidierung der arabischen Nationalstaaten auch gegen die panarabische und islamistische Herausforderung und verweist solchermaßen auf die große Bedeutung nationalstaatlicher Interessen (und implizit auch auf die der innenpolitischen Kräfteverhältnisse). Diese bestünden vorwiegend in der Erlangung einer günstigen Position innerhalb des regionalen Systems - und würden dem Handlungspotenzial externer Akteure verhältnismäßig enge Grenzen setzen. In viel stärkerem Maße, als es Konzepte wie das der Neuen Weltordnung oder der Pax Americana vermuten lassen, sind demnach auch die USA gezwungen, den Mechanismen regionaler Politik Rechnung zu tragen. Dies nicht zuletzt deswegen, weil ihre Missachtung bei weitem kostspieliger wäre. Hier wie insgesamt überzeugt die auf eine langjährige intime Kenntnis der Region gestützte Analyse durch Differenziertheit und Stringenz. So werden die positiven Impulse des Friedensprozesses etwa für die innerarabischen Beziehungen konzise heraus gearbeitet, zugleich aber die Wirkungsgrenzen einer Konfliktbeilegung für die regionale Kooperation aufgezeigt. Bei der Würdigung der vorsichtigen Öffnungs- und Demokratisierungsprozesse in einzelnen arabischen Staaten übergeht der Verfasser nicht die etwaigen Gefahren für die regionale Stabilität. Perthes Studie zählt somit zum Besten, was in den Neunzigerjahren in deutscher Sprache zum Nahen Osten publiziert worden ist.
Michael Edinger (ME)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich 580, Universität Jena (www.uni-jena/svw/powi/sys/edinger.html).
Rubrizierung: 4.41 | 2.63 | 4.22
Empfohlene Zitierweise: Michael Edinger, Rezension zu: Volker Perthes: Vom Krieg zur Konkurrenz: Regionale Politik und die Suche nach einer neuen arabisch-nahöstlichen Ordnung Baden-Baden: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9350-vom-krieg-zur-konkurrenz-regionale-politik-und-die-suche-nach-einer-neuen-arabisch-nahoestlichen-ordnung_15515, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 15515
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich 580, Universität Jena (www.uni-jena/svw/powi/sys/edinger.html).
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