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/ 05.06.2013
Günter Seufert

Politischer Islam in der Türkei. Islamismus als Symbolische Repräsentation einer sich modernisierenden muslimischen Gesellschaft

Stuttgart: Franz Steiner Verlag 1997 (Beiruter Texte und Studien 67/Türkische Welten 3); 598 S.; kart., 144,- DM; ISBN 3-515-07036-2
Diss. Hamburg; Erstgutachter: A. K. Menk. – Die Modernisierung der türkischen Gesellschaft und ihre grundlegenden Umwälzungen seit den 60er Jahren erzeugte eine Auflösung traditioneller Struktur- und Integrationselemente sowie einen Zwang zu neuen Formen von Sozialität. In jüngster Zeit vermehren sich hingegen die Tendenzen, die neue Situation durch eine verstärkte Orientierung auf die einheimische Kultur und insbesondere auf den Islam mental zu verarbeiten. Wie in anderen muslimischen Ländern versuchen islamistische Bestrebungen, die Religion als gestaltende Kraft sowohl in der politischen Sphäre als auch in der Ökonomie und im Recht zur Geltung zu bringen. Thema der umfassenden soziologischen Studie ist zum einen die Frage, was dem islamistischen Diskurs in der Türkei seine Attraktivität verleiht. Zum anderen sollen die gesellschaftlichen Vorgänge, die dieser abbildet, sowie die Entwicklungen, die er initiiert, verstehend beschrieben werden. Eine angemessene Analyse dieses Diskurses muß somit "vom Verständnis derer, die ihn führen" (25), also von einer Innenperspektive ausgehen, die "den islamistischen Diskurs als Subinnenwelt innerhalb der symbolischen Sinnwelt der türkischen Gesellschaft" (37) zu fassen versucht. Der Autor beschränkt sich nicht vordergründig auf die Analyse der Aktionen und Akteure des eigentlichen islamistischen Diskurses. Er versucht zunächst die türkische Gesellschaft als ein "Mosaik von Gemeinschaften" in ihrer Vielschichtigkeit zu verstehen und deren Bedeutungssysteme herauszuarbeiten. An Hand von 20 isolierten Deutungsmustern werden spezifische kulturelle Ausdrucksformen dargestellt, mit deren Hilfe Sinnzusammenhänge gestiftet werden und sich gesellschaftliche Wirklichkeit konstruiert. Der Rückgriff auf diese, in der Gesellschaft verbreiteten und somit gültigen "Deutungsschemata" begründet letztlich die Überzeugungskraft islamistischer Konzepte. Beispielhaft zeigt sich an der Analyse der gewandelten Strukturformen der türkischen Gesellschaft einerseits und ihrer überdauernden Ordnungsprinzipien andererseits, wie sich der Islamismus aus dem "sinnhaften Alltag" (33) muslimischer Gesellschaften entwickelt. Aus dem Inhalt: 2. Die 'Weltansicht' der türkischen Gesellschaft. Ihre grundlegenden Deutungsmuster; 3. Die Alltagsreligiosität: ihr Ausmaß und die Richtung ihrer Veränderung; 4. Der Islam als Symbolsystem: die Nutzung der Religion zur Gestaltung neuer Verhältnisse; 5. Ein modernes islamisches Leben und ein modernes Verhältnis von Islam.
Andreas Eis (AE)
Jun.-Prof. Dr., Didaktik des politischen Unterrichts und der politischen Bildung, Institut für Sozialwissenschaften Oldenburg, Fakultät I.
Rubrizierung: 2.632.23 Empfohlene Zitierweise: Andreas Eis, Rezension zu: Günter Seufert: Politischer Islam in der Türkei. Stuttgart: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7381-politischer-islam-in-der-tuerkei_9826, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 9826 Rezension drucken
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