/ 18.06.2013
Christoph Reuter
Mein Leben ist eine Waffe. Selbstmordattentäter - Psychogramm eines Phänomens
München: C. Bertelsmann 2002; 448 S.; 23,90 €; ISBN 3-570-00646-8Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben eine scheinbar neue politische Aktionsform in den Blick einer weltweiten Öffentlichkeit gerückt, nämlich politische Attentate, bei denen die Täter ihren eigenen Tod nicht nur in Kauf nehmen, sondern ihr Leben gezielt als Waffe einsetzen. Dies ist jedoch, so der Autor in seiner empirisch breit angelegten Untersuchung, kein neues Phänomen. Bereits im 11. Jahrhundert findet sich mit den nordpersischen Assassinen eine religiöse Sekte, die Selbstmordanschläge zur Durchsetzung politischer Ziele verübte. Seitdem hat es immer wieder Gruppen und politische Regime gegeben, die dieses Instrument eingesetzt haben. Am geläufigsten dürften in den vergangenen Jahren neben Terroristen der Al Kaida vor allem palästinensische Selbstmordattentäter sein, die gegen israelische Zivileinrichtungen operieren. Auch wenn dieses Phänomen vorwiegend im Nahen und Mittleren Osten anzutreffen ist, verweist Reuter jedoch auf die globale Dimension dieses Phänomens, denn auch in Japan und Sri Lanka waren bzw. sind derartige Praktiken geläufig. Die politischen und sozialen Rahmenbedingungen dieses individuellen oder kollektiven Handelns stehen im Mittelpunkt der Analyse. Seine Schlussfolgerung lautet, dass für Selbstmordattentäter im Kern weniger religiöse Konzeptionen handlungsleitend seien, sondern vielmehr eine existierende oder wahrgenommene soziale Deprivation, die ihnen scheinbar keine andere Handlungsoption mehr lässt, oder aber ihre gezielte Instrumentalisierung durch Akteure, die ihre Interessen zwar religiös zu legitimieren suchen, letztlich aber politische Ziele verfolgen.
Inhalt: 1. Selbstmordattentate - Der Anschlag auf die Regeln der Welt; 2. Woher kamen die Assassinen? - Die Geschichte von Glaube und Macht in der islamischen Welt; 3. Ein Schlüssel um den Hals fürs Paradies - Wie alles begann: Irans Selbstmordbataillone; 4. Marketingstrategen des Märtyrertums - Die Hisbollah im Libanon; 5. Die Kultur des Todes - Israel und die Palästinenser; 6. Die Fehde der Fatwas - Der Koran, ein Allzweckwerkzeug; 7. Die Verschwörung - Warum dem Westen und der islamischen Welt die gemeinsame Realität abhanden gekommen ist; 8. Bushido statt Allahu akbar - Der japanische Weg; 9. Afghanistan, Afrika und retour - Al-Qaida und die sunnitische Internationale; 10. Tödliche Emanzipation - Selbstmordattentäterinnen in Kurdistan und Sri Lanka; 11. "Gottlose" vs. "Terroristen" - Warum Amerikas Krieg gegen Selbstmordattentäter kein Sieg beschieden ist; 12. Aufklärung aus der Mitte des Radikalismus - Der Iran und die verlorene Sehnsucht nach dem Opfertod.
Markus Kaim (MK)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik", Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.
Rubrizierung: 2.25 | 2.63 | 2.68 | 4.22
Empfohlene Zitierweise: Markus Kaim, Rezension zu: Christoph Reuter: Mein Leben ist eine Waffe. München: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/17194-mein-leben-ist-eine-waffe_19784, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 19784
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik", Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.
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