/ 05.06.2013
Patrick Kury
"Man akzeptierte uns nicht, man tolerierte uns!" Ostjudenmigration nach Basel 1890-1930. Hrsg.: Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund
Basel/Frankfurt a. M.: Helbing & Lichtenhahn 1998 (Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz 7); 149 S.; brosch., 56,- DM; ISBN 3-7190-1645-5Lizentiatsarbeit Basel; Gutachter: H. Haumann. - Kury zeichnet für die Stadt Basel in drei großen Schritten die Geschichte der ostjüdischen Zuwanderung insbesondere um die Jahrhundertwende nach. Zuerst wird die quantitative Dimension dieser Zuwanderung ausgeleuchtet. Die Analyse des zeitgenössischen statistischen Materials zeigt, daß osteuropäische Juden auf ihrer Flucht vor den Pogromen und materieller Armut in Rußland und Gallizien in großer Zahl die Stadt aufsuchten und sie als Drehscheibe oder Durchgangsstation benutzten. Häufigstes Ziel waren die USA. Dagegen blieb die Zahl derjenigen, die in Basel Fuß fassen wollten oder konnten, gering. Anhand der Baseler Publizistik untersucht der Autor in einem zweiten Schritt die Reaktion der Öffentlichkeit auf den anhaltenden Flüchtlingsstrom. Während die jüdische Gemeinde Basels, die stets weniger als zwei Prozent der Bevölkerung ausmachte, tatkräftig zu helfen versuchte, zeigt sich in der Presse eine Unkenntnis der übrigen Bevölkerung über das konkrete Flüchtlingsschicksal. Statt dessen findet sich dort ein allgemeiner, großenteils von älteren antijüdischen Stereotypen gespeister Diskurs über das Judentum. Diese Vorurteile steigerten sich zu kraß antisemitischen Aussagen, wenn die Rede auf das Ostjudentum kam und legitimierten nach dem Ersten Weltkrieg auch eine allgemein restriktive Ausländerpolitik. Kury sieht in diesen Vorurteilen einen wesentlichen Ursprung für das Erstarken des schweizerischen Antisemitismus in den 20er und 30er Jahren. Auf der Ebene der subjektiven Erlebnisse und Erinnerungen, die im dritten Schritt der Untersuchung mangels anderer Quellen anhand eines ausführlichen, transkribierten Interviews mit einer Zeitzeugin, geboren 1912 in einer ostjüdischen Einwandererfamilie, im Zentrum des Interesse stehen, wird diese Feindschaft gegen Ostjuden im Basel der Jahrhundertwende nicht mehr greifbar. Die Befragte kam vielmehr "wieder und wieder auf die traumatischen Schoah-Erfahrungen zu sprechen" (107). In ihren Erinnerungen aus der Jugendzeit wurde dagegen sichtbar, daß das Verhältnis zwischen den ostjüdischen und den älteren Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Basels als spannungs- und konfliktreich erlebt wurde. Wenn hier Integration schließlich doch möglich wurde, so deshalb, weil es neben einem sozialen Aufstieg der zugewanderten Familien auch zu einer Anerkennung der kulturell-religiösen Unterschiede beider Gruppen kam. Abgesehen vom Gewinn für die Geschichte der Stadt Basel bzw. des Judentums in der Schweiz, lohnt dieses Ergebnis die Mühe der Untersuchung.
Antonius Liedhegener (Li)
Dr., wiss. Ass., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.uni-jena.de/svw/powi/sys/liedhege.html).
Rubrizierung: 2.5
Empfohlene Zitierweise: Antonius Liedhegener, Rezension zu: Patrick Kury: "Man akzeptierte uns nicht, man tolerierte uns!" Basel/Frankfurt a. M.: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8289-man-akzeptierte-uns-nicht-man-tolerierte-uns_10920, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10920
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Dr., wiss. Ass., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.uni-jena.de/svw/powi/sys/liedhege.html).
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