/ 04.06.2013
Peter Scholl-Latour
Lügen im Heiligen Land. Machtproben zwischen Euphrat und Nil
Berlin: Siedler Verlag 1998; 456 S.; Ln., 49,90 DM; ISBN 3-88680-542-5In der ihm eigenen Anschaulichkeit berichtet Scholl-Latour über die Situation in der nahöstlichen Konfliktregion 1997, über "Geschehnisse und Zustände, die [er] höchstpersönlich und hautnah erlebt oder aus erster Hand erfahren" (7) hat. Auf der Basis von Tagebuchaufzeichnungen schildert der Verfasser Erlebnisse im Irak, im Libanon, in Syrien und vor allem in Israel und den Palästinensischen Autonomiegebieten. Dabei profitiert Scholl-Latour von seinen guten Kenntnissen der arabischen Welt und seinen vielfältigen Kontakten, deren Verdienst nicht zuletzt eine Reihe prominenter Gesprächspartner sind, darunter der irakische Vizepremier Tariq Aziz und der 1997 von Israel freigelassene HAMAS-Führer Scheich Yassin. Der Journalist sieht sich durch die jüngsten Entwicklungen in seiner Skepsis gegenüber dem Friedensprozeß bestätigt. Weniger in dieser wiederholt bekundeten Selbstgewißheit sind die Stärken des Buches zu sehen als vielmehr in einzelnen Episoden, die – wie etwa die Begegnung mit der Hizbollah im Libanon oder einige Gespräche im Irak – grundlegende Konflikte oder Problematiken schlaglichtartig erhellen.
Die meisten Leser wird dies jedoch kaum dafür entschädigen, daß die zahllosen Einzelbeobachtungen kaum einmal verbunden und zu einer klaren Analyse verdichtet werden. Zwar entlarvt Scholl-Latour ein ums andere mal "Lügen im Heiligen Land", aber seine Wahrheiten wirken oftmals oberflächlich, vereinzelt gar wie Klischees. Ärgerlicher ist noch seine Angewohnheit, beständig aus älteren eigenen Texten zu zitieren und – völlig unmotiviert – Reflexionen zur Religions- oder Kulturgeschichte der Region in die Schilderung einzuflechten. Die großen Linien von der Antike bis zur Gegenwart könnten dabei durchaus interessant sein, würde sich nicht allzuoft das Gefühl einstellen, die entsprechenden Ausführungen sollten allein die Gelehrsamkeit des Verfassers bekunden. Trotz aller Anschaulichkeit und einigen höchst eindringlichen Schilderungen wird bei soviel Selbstreferenzialität des Autors das Lesen gelegentlich zur Qual.
Michael Edinger (ME)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich 580, Universität Jena (www.uni-jena/svw/powi/sys/edinger.html).
Rubrizierung: 2.63 | 4.41
Empfohlene Zitierweise: Michael Edinger, Rezension zu: Peter Scholl-Latour: Lügen im Heiligen Land. Berlin: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/5307-luegen-im-heiligen-land_6972, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 6972
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich 580, Universität Jena (www.uni-jena/svw/powi/sys/edinger.html).
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