/ 22.06.2013
Tobias Greiff
Identität und Anspruch. Die Funktionen von Symbolen im Friedensprozess in Bosnien und Herzegowina
Marburg: Tectum Verlag 2011; XII, 198 S.; pb., 24,90 €; ISBN 978-3-8288-2781-3Magisterarbeit LMU München; Begutachtung: O. Kessler. – Mit Blick auf die alltägliche Gewalt auf dem Balkan bringt Tobias Greiff einen Erklärungsfaktor in die wissenschaftliche Debatte ein, der bisher nur marginal von Forschern berücksichtigt wurde: Symbole. Der Autor prüft, ob Symbole einen Einfluss auf den Friedensprozess in Bosnien und Herzegowina hatten und haben. Hierfür stellt er zunächst ausführlich den Forschungsstand vor und weist auf die bisher noch unterbelichteten Teilaspekte des Themas hin. Sodann entwickelt er den Symbolic-Politics-Ansatz, der es ihm ermöglicht, nicht nur den Konflikt in Bosnien und die dortige Relevanz von Symbolen einzufangen. Vielmehr bewegt sich sein deduktiv erarbeitetes theoretisches Konstrukt auf einer abstrakteren Ebene und kann daher für ein allgemeines Verständnis von ethnischen Konflikten herangezogen werden. Greiff schreibt Symbolen drei Funktionen zu: Sie transportieren Werte, vermögen zu mobilisieren mit dem Ziel, die mit ihnen verbundenen Werte zu verteidigen, und außerdem wirken sie integrierend, wodurch sie ein Wir-und-die-Anderen-Gefühl schaffen. Allerdings sei weder die Integrationsfunktion der Symbole zwingend noch führe deren Mobilisationsfunktion zwangsläufig zu einem Konflikt. Diese ausdrückliche Verneinung eines konfliktiven Automatismus prüft Greiff in seinem Empirieteil. Er untersucht Mythen, Helden (und vor allem die Art und Weise der Erzählung von ihnen), kulturelle Stätten der einzelnen Ethnien (Jajce, Sarajevo und Mostar), Museen, Schulen und Bibliotheken, Sprachen, Schriften und Namensgebungen sowie Flaggen, Hymnen und Feiertage. Nach seiner tiefgreifenden Analyse kommt Greiff zu dem Schluss, dass die in Bosnien entstandene Feindseligkeit zwischen den Gruppen (auch) auf einen von manipulativen Eliten katalysierten Identifikationsprozess zurückzuführen ist. Die Dominanz dehumanisierender nationalistischer Mythen und Symbole verhindere ein friedliches Zusammenleben. Eine versöhnende kollektive Identität könne durch eine Kombination zweier Lösungswege entstehen: es müssten radikale und Konflikt verursachende Mythen und Symbole reduziert und gleichzeitig friedensfördernde Mythen-Symbol-Komplexe etabliert werden.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.61 | 2.23 | 2.25 | 4.41
Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Tobias Greiff: Identität und Anspruch. Marburg: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35202-identitaet-und-anspruch_42385, veröffentlicht am 16.08.2012.
Buch-Nr.: 42385
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M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
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