/ 03.06.2013
Ernst Lohoff
Der dritte Weg in den Bürgerkrieg. Jugoslawien und das Ende der nachholenden Modernisierung
Bad Honnef: Horlemann 1996 (Edition Krisis); 190 S.; 24,- DM; ISBN 3-89502-055-9Die Hauptthese des Autors lautet: "In Jugoslawien ist nicht nur die sozialistische Variante der Modernisierung gescheitert, sondern die Modernisierung überhaupt, und im nationalistischen Kampf geht es um [...] etwas äußerst Zeitgemäßes, nämlich um die Ausschlachtung einer Modernisierungsruine." (11) Die Arbeit konzentriert sich zunächst auf Titos Experiment und sein Scheitern, liefert Entstehungshintergründe für das sozialistische Jugoslawien. Gezeigt werden soll, wie sich unter Tito die "allgemeine Modernisierungslogik" (11) durchsetzte. Im Hauptteil wird gefragt, warum es Konflikte zwischen den Teilrepubliken in Jugoslawien gab und warum der jugoslawische Staat nach dem Untergang des jugoslawischen Typs des Sozialismus zerbrach. Der letzte Abschnitt beleuchtet die politische Ökonomie des Bürgerkrieges, fragt nach dem Geldkreislauf, der den Bürgerkrieg aufrechterhielt.
Lohoffs Kritik wendet sich vor allem an den Westen. Im Dayton-Abkommen sieht er langfristig keine Lösung, sondern lediglich eine Pause. Nach Abzug der Amerikaner werde der bewaffnete "Verteilungskampf" (190) wieder einsetzen. Lediglich eine Lösung hält er für denkbar: Die westlichen Staaten müßten mit der jetzigen politischen Klasse brechen und Ansätze zu einer eigenen Neugestaltung des gesellschaftlichen Lebens unterstützen.
Nach Ansicht Lohoffs ist der Bürgerkrieg in Jugoslawien kein Einzelfall, vielmehr macht er "allgemeine Tendenzen sichtbar, die auch andernorts die weitere Entwicklung bestimmen werden. Er kündet vom Ende des Zeitalters moderner Staatlichkeit. Politik und Etatismus haben weltweit ihre zivilisatorische Mission ausgespielt, letzten Endes auch im Westen. Das jugoslawische Exempel zeigt auf seine Weise an, was aus dem Medium der Staatlichkeit im Kollaps der Modernisierung wird." (190)
Auffällig ist der an einigen Stellen polemische Stil des Autoren, der beispielsweise von "Warlords (alias Staatschefs)" (189) oder von "Karadzic und seine[r] genozid-erprobte[n] Marodeurs-Generalität" (187) spricht.
Aus dem Inhalt: 11. Der Konkurs der Selbstverwaltungswirtschaft - Titojugoslawien ohne Tito; 13. Die Ausschlachtung einer Modernisierungsruine - die Renaissance des großserbischen Nationalismus; 14. Abschied auf slowenisch - das Reformdesaster und der Vormarsch der separatistischen Nationalismen; 15. Der Showdown der Teilrepubliken; 16. Kriegswirtschaft ohne nationalökonomische Grundlage; 17. Vom ideellen Gesamtkapitalisten zum reellen Gesamtkriminellen - Metamorphosen des jugoslawischen Staatsapparates; 18. Zur Logik poststaatlicher Kriegsführung; 19. Operettenstaaten mit blutigem Angesicht; 20. Balkankrieg und One World.
Sabine Steppat (Ste)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.62 | 2.25 | 2.2
Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Ernst Lohoff: Der dritte Weg in den Bürgerkrieg. Bad Honnef: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/2155-der-dritte-weg-in-den-buergerkrieg_2620, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 2620
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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