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/ 11.06.2013
Alexander Rahr

Wladimir Putin. Der "Deutsche" im Kreml

München: Universitas 2000; 286 S.; 2., überarb. und erg. Aufl.; ISBN 3-8004-14
Rahr, Russlandkenner und Programmdirektor für Russland/GUS bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, hat ein gut lesbares, informatives, aber auch streitbares Buch vorgelegt. Er zeichnet in seiner zeitgeschichtlichen Biographie mit Sachkenntnis (die weniger aus einer wissenschaftlichen Durchdringung des Themas, sondern vielmehr aus einem wohl einzigartigen Netz an Kontakten mit russischen und auch anderen europäischen Entscheidungsträgern stammt) den rasanten Aufstieg Wladimir Putin...
Alexander Rahr

Wladimir Putin. Der "Deutsche" im Kreml

München: Universitas 2000; 286 S.; 2., überarb. und erg. Aufl.; geb., 39,90 DM; ISBN 3-8004-14
Rahr, Russlandkenner und Programmdirektor für Russland/GUS bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, hat ein gut lesbares, informatives, aber auch streitbares Buch vorgelegt. Er zeichnet in seiner zeitgeschichtlichen Biographie mit Sachkenntnis (die weniger aus einer wissenschaftlichen Durchdringung des Themas, sondern vielmehr aus einem wohl einzigartigen Netz an Kontakten mit russischen und auch anderen europäischen Entscheidungsträgern stammt) den rasanten Aufstieg Wladimir Putins nach. Im ersten Teil werden Jugend und Studienzeit, Geheimdienstkarriere und Tätigkeit in St. Petersburg beschrieben, der zweite Teil beleuchtet die Moskauer Zeit, die in eine Beschreibung der russischen Politik in der Jelzin-Ära samt Insiderberichten aus dem Umfeld des Kremls eingebettet wird. Dabei erfährt man zahlreiche interessante Details aus Putins Werdegang vom KGB-Offizier zum Präsidenten Russlands, fragt sich aber dennoch, wie ein solch rasanter Aufstieg in kürzester Zeit möglich sein konnte. Der dritte Abschnitt widmet sich der Frage, welche Entwicklung Russland nehmen könnte und wie sich sein Verhältnis zu den anderen Mächten, insbesondere den USA und Europa gestalten wird. Rahr sieht Putin als einen Führer, der Russland als starken, demokratisch ausgerichteten Staat mit einer florierenden Marktwirtschaft in der Weltgemeinschaft verankern will. "Die Marschrute, die Putin vorgegeben hat, zielt auf eine Integration Rußlands in die westliche Zivilisation" (274). Ob dazu der Krieg in Tschetschenien, den Rahr mitunter auf sehr schwer nachvollziehbare Weise deutet ("Putin weitete die Bombardements in Tschetschenien aus und verfuhr dabei nach einem Szenario, das dem Vorgehen der NATO während des Kosovokrieges glich" [218]), dienlich ist, kann und muss kontrovers diskutiert werden. Problematisch scheint auch die an verschiedenen Stellen durchschimmernde Vorstellung Rahrs, Russland und die EU sollten sich in strategischen Fragen ohne die USA einigen und Deutschland könne dabei eine neue historische Vermittlerrolle zukommen. Schließlich macht der journalistische Stil das Buch zwar anregend lesbar und für einen breiten Leserkreis interessant, für eine sozialwissenschaftliche Verarbeitung ist es damit aber nur begrenzt geeignet. Das Verdienst des Buches liegt dennoch darin, die russische Sichtweise kompetent sichtbar zu machen und verstehen zu wollen und nicht mit alten Feindbildern und Denkschemata aus den Zeiten des Ost-West-Konflikts zu operieren. Der vielschichtige Transformationsprozess Russlands hat seine eigenen Regeln und Gesetze und vor diesem Hintergrund muss auch das politische Führungspersonal bewertet werden. Denn Rahr ist zuzustimmen: Ohne Einbeziehung Russlands ist keine stabile Entwicklung in Europa zu erwarten.
Johannes Varwick (JV)
Prof. Dr., Institut für Politische Wissenschaft, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Rubrizierung: 2.622.242.1 Empfohlene Zitierweise: Johannes Varwick, Rezension zu: Alexander Rahr: Wladimir Putin. München: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13081-wladimir-putin_15672, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 15672 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA