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/ 11.06.2013
Michael Ignatieff

Isaiah Berlin. Ein Leben. Aus dem Englischen übertragen von Michael Müller

München: C. Bertelsmann 2000; 441 S.; 23,98 €; ISBN 3-570-15073-9
Der Autor, Direktor des Menschenrechtszentrums an der Kennedy School of Government der Harvard University, beginnt seinen Band mit der Schilderung eines Besuches bei Berlin, der als ein etwas schrulliger Alter, voller liebenswerter Idiosynkrasien gezeigt wird - wenn da nur nicht die blitzende Intelligenz und die gedankliche Beweglichkeit wären, die das Bild in eine ganz andere Richtung verschieben. Episodenhaft, wie das Werk von Berlin, ist auch dieser Band, der eine "richtige" Biografie und kei...
Michael Ignatieff

Isaiah Berlin. Ein Leben. Aus dem Englischen übertragen von Michael Müller

München: C. Bertelsmann 2000; 441 S.; 23,98 €; ISBN 3-570-15073-9
Der Autor, Direktor des Menschenrechtszentrums an der Kennedy School of Government der Harvard University, beginnt seinen Band mit der Schilderung eines Besuches bei Berlin, der als ein etwas schrulliger Alter, voller liebenswerter Idiosynkrasien gezeigt wird - wenn da nur nicht die blitzende Intelligenz und die gedankliche Beweglichkeit wären, die das Bild in eine ganz andere Richtung verschieben. Episodenhaft, wie das Werk von Berlin, ist auch dieser Band, der eine "richtige" Biografie und keine intellektuelle ideengeschichtliche Untersuchung bietet. Von der Jugend in Russland über das Studium in England, die offiziellen Positionen, die Berlin in verschiedene Länder führten, spannt sich der Bogen zum zunehmend berühmter werdenden Intellektuellen und seinem akademischen Leben. Berlin war immer auch Politiker, und sowohl hier wie im eigentlich wissenschaftlichen Bereich und in der Kultur der Zeit hat er in seinem langen Leben Gott und die Welt gekannt, und ihnen allen begegnen wir auch in dieser Biografie. Ignatieff klammert die intellektuellen Leistungen, die Berlin berühmt gemacht haben, nicht aus der Darstellung aus; so ist das Umfeld der Antrittsvorlesung von 1958 über die zwei Freiheitskonzepte ausführlich geschildert (290 ff.). Aber wichtiger ist das Leben und die Anekdote, die Begegnung und der Neuaufbruch. Auf diese Art erschafft Ignatieff ein ebenso lebendiges wie subtiles psychologisches Bild des Dargestellten wie seiner Zeit(-genossen), das ohne die langjährige Kooperation des Autors mit Berlin kaum möglich gewesen wäre. Die Lektüre des Buches gibt zugleich auch eine intellektuelle Geschichte des 20. Jahrhunderts, oder doch zumindest eines Ausschnittes dieses Jahrhunderts, gesehen durch eine einzelne Brille. Dass es Ignatieff darüber hinaus gelungen ist, einen höchst amüsant zu lesenden Bilderbogen bereit zu stellen, sei nur am Rande vermerkt. Denn ohne diese Fähigkeit sollte man besser gar nicht erst über Berlin schreiben.
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.465.43 Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Michael Ignatieff: Isaiah Berlin. München: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12257-isaiah-berlin_14634, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 14634 Rezension drucken
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