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/ 12.06.2013
Hartmut Kaelble

Europäer über Europa. Die Entstehung des europäischen Selbstverständnisses im 19. und 20. Jahrhundert

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2001; 268 S.; kart., 34,77 €; ISBN 3-593-36704-1
Skeptische Einschätzungen des weiteren europäischen Integrationsprozesses berufen sich vielfach auf das Argument, es sei nicht zu sehen, dass eine transnationale politische Gemeinschaft eine kollektive Identität entwickeln könnte, die den jeweiligen nationalen Identitäten vergleichbar sei. Gegen eben diese Auffassung, die im europäischen Selbstverständnis nur eine Wiederholung "der nationalen Identität auf der europäischen Ebene" (9) sieht, wendet sich der Berliner Historiker vehement. Denn trot...
Hartmut Kaelble

Europäer über Europa. Die Entstehung des europäischen Selbstverständnisses im 19. und 20. Jahrhundert

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2001; 268 S.; kart., 34,77 €; ISBN 3-593-36704-1
Skeptische Einschätzungen des weiteren europäischen Integrationsprozesses berufen sich vielfach auf das Argument, es sei nicht zu sehen, dass eine transnationale politische Gemeinschaft eine kollektive Identität entwickeln könnte, die den jeweiligen nationalen Identitäten vergleichbar sei. Gegen eben diese Auffassung, die im europäischen Selbstverständnis nur eine Wiederholung "der nationalen Identität auf der europäischen Ebene" (9) sieht, wendet sich der Berliner Historiker vehement. Denn trotz gewisser formaler Entsprechungen unterscheide sich das moderne europäische Selbstverständnis in wesentlichen Punkten von Nationalismen: Weil die Europäische Union auf freiwilligem Beitritt beruht, fehle ihr eine hegemoniale, ausschließende Ausrichtung (10 f.), das Selbstverständnis beziehe sich nicht auf nationalstaatliche Institutionen und - zentraler Gesichtspunkt für Kaelble - es sei "eine Konsequenz der katastrophalen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts" (10, 25 ff.). Der Autor entwickelt dieses Bild aus einer sozialhistorischen Interpretation von Texten politischer, wissenschaftlicher und kultureller Art, in denen - hauptsächlich in Abhebung von der amerikanischen Gesellschaft - Europa thematisiert wird. Dass diese Quellenwahl primär Sichtweisen der - zudem städtischen - europäischen Oberschicht reflektiert, ist Kaelble bewusst (24). Die Studie behandelt den Zeitraum vom späten 18. (52 ff.) bis zu den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts (128 ff.); der Schwerpunkt liegt indes auf der sich an den Ersten Weltkrieg anschließenden Phase. Das verwendete Material ist im Rahmen eines DFG-finanzierten Projektes von einem Mitarbeiter Kaelbles erschlossen und unter einem anderen Vergleichsgesichtspunkt zum Gegenstand einer Dissertation gemacht worden (Alexander Schmidt: Reisen in die Moderne. Der Amerika-Diskurs des deutschen Bürgertums vor dem Ersten Weltkrieg im europäischen Vergleich. Berlin 1997). Inhaltsübersicht: 2. Typen des europäischen Selbstverständnisses: Das überlegene Europa; Das bedrohte Europa; Europa als Anfang der universalen Modernisierung; Das andersartige Europa; Die innere Vielfalt Europas. 3. Der Wandel des europäischen Selbstverständnisses: 3.1 Das europäische Überlegenheitsbewußtsein im späten 18. und 19. Jahrhundert; 3.2 Die Verunsicherung des europäischen Selbstverständnisses vor 1914: 3.2.1 Die geringeren sozialen Freiräume in Europa; 3.2.2 Der begrenzte europäische Kapitalismus. 3.3 Die Krise des europäischen Selbstverständnisses vom Ersten Weltkrieg bis in die 1960er Jahre: 3.3.1 Die Krise; 3.3.2 Europäische individuelle Freiräume gegen amerikanischen Konformismus; 3.3.3 Der europäische Rückstand der Wirtschaft und des Lebensstandards; 3.3.4 Die rigidere soziale Ungleichheit in Europa; 3.3.5 Die Entstehung des europäischen Selbstgefühls. 3.4 Ein neues europäisches Selbstverständnis seit den 1960er Jahren. 4. Schlußbetrachtung: Die Breite und die Epochen der Debatte über europäische Zivilisation; Unterschiede zwischen europäischem Selbstverständnis und nationaler Identität; Die Entstehung des modernen europäischen Selbstverständnis; Europäisches Selbstverständnis und europäische Öffentlichkeit.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 3.12.352.64 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Hartmut Kaelble: Europäer über Europa. Frankfurt a. M./New York: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13893-europaeer-ueber-europa_16654, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 16654 Rezension drucken
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